Kultur : Schwules Leben in einer Atmosphäre steter Angst

Andreas Hergeth

Ein kleines altes Foto zeigt zwei Männer, die sich innig in die Augen blicken. Es handelt sich um Robert T. Odeman, Musiker, Kabarettist und Schriftsteller, und seinen Freund Martin Ulrich Eppendorf. Das Bild wird zu den rund 600 Exponaten einer Ausstellung der Gedenkstätte Sachsenhausen und des Berliner Schwulen Museums über die nationalsozialistische Hatz auf Homosexuelle gehören, die in zwei unabhängigen Teilen am 5. März 2000 in der KZ-Gedenkstätte und im Schwulen Museum eröffnet wird.

Als Koproduktion der Länder Brandenburg und Berlin bereitet eine Projektgruppe unter Leitung von Historiker Andreas Sternweiler die Ausstellung über die Verfolgung homosexueller Männer in Berlin im Dritten Reich und über die Geschichte der Rosa-Winkel-Häftlinge im KZ Sachsenhausen vor. Die Projektidee stammt von 1993, dem Jahr der Gründung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Der Berliner Historiker Joachim Müller, im Beirat der Stiftung aktiv, forderte damals, das in der Öffentlichkeit bislang wenig beachtete Kapitel zu thematisieren. Das Vorhaben konnte immer mehr prominente Fürsprecher gewinnen. Horst Seferens, Pressereferent der Stiftung, hebt den Umstand hervor, dass sich auch Berlin am Projekt beteiligt und "damit Verantwortung übernimmt", an das Schicksal homosexueller Männer zu erinnern, die aus Berlin in das "KZ der Reichshauptstadt" kamen.

Die Ausstellungsgruppe haben sich vorgenommen, die bislang umfangreichste Darstellung des Schicksals von schwulen Männern in Zeiten des NS-Regimes zu organisieren. Ein zehnköpfiges Team ist an der Vorbereitung der Schaubeteiligt, die als Wanderausstellung konzipiert, später auch in anderen KZ-Gedenkstätten gezeigt werden kann. Dabei wird die politische Entwicklung nach 1933 genauso wie die Zerschlagung der schwulen Subkultur mit damals rund 100 Lokalitäten, etlichen Organisationen, Verlagen sowie die Organisation und Durchführung des staatlichen Terrors eine Rolle spielen. Weil von der Einweisung in ein KZ nur ein kleiner Teil der Homosexuellen betroffen war, die Mehrzahl durch die drohende Verfolgung eingeschüchtert und an der freien Entfaltung der Persönlichkeit gehindert wurde, wird anhand vieler Lebensgeschichten auch die Existenz Schwuler in einer Atmosphäre steter Angst dokumentiert: Selbstmord, Flucht und Exil, Freundschaft und Solidarität, Anpassung und Widerstand werden wie die Mittäterschaft beleuchtet.

Breiten Raum wird das Schicksal von Homosexuellen in Sachsenhausen einnehmen, die dort häufig den Sonderkommandos oder Strafkompanien zugewiesen wurden. Diese galten als die härtesten Arbeitskommandos und wiesen die höchste Todesrate auf. Neben einem Gruppenporträt der homosexuellen Häftlinge wollen die Ausstellungsmacher individuelle Biographien schildern.

Die Quellenlage ist allerdings sehr dürftig. Viele Überlebende des NS-Regimes hatten ob der gesellschaftlichen Stigmatisierung auch nach 1945 sowie der strafrechtlichen Relevanz kein Interesse daran, ihr Schwulsein zu dokumentieren. Dennoch sollen rund 60 Biographien dargestellt werden. 650 homosexuelle Häftlinge aus Sachsenhausen sind namentlich bekannt.

Eine der Lebensgeschichten ist die von Robert T. Odeman. Der gebürtige Hamburger arbeitete für Rundfunk, Theater und Kabarett und siedelte 1936 nach Berlin über. Hier wurde er "wegen widernatürlicher Unzucht" verurteilt. Nach zwei Jahren entlassen, arbeitete er unter falschem Namen, wurde aber 1942 erneut im Gefängnis Plötensee inhaftiert und später ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Auf dem Todesmarsch gelang ihm die Flucht. Robert T. Odeman lebte als Text- und Musikautor in West-Berlin und trat in großen und kleinen Kabaretts der Stadt auf. Er starb 1985.

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