• Sebastian Stumpf bei Thomas Fischer: Gallery Weekend: Zwischen Sehnsucht und Surrealität

Sebastian Stumpf bei Thomas Fischer : Gallery Weekend: Zwischen Sehnsucht und Surrealität

Verschwunden im Atlantik: Sebastian Stumpf zeigt tragikomische Interventionen bei Thomas Fischer.

Laura Storfner
Europa am äußersten Ende. „ Zenit“, 2016. Foto: S. Stumpf, Courtesy Galerie Thomas Fischer
Europa am äußersten Ende. „ Zenit“, 2016.Foto: S. Stumpf, Courtesy Galerie Thomas Fischer

Den Weg aus der Stadt suchte Sebastian Stumpf schon früh in seinen Arbeiten. Nie nahm er die direkte Route, lieber verließ er die Metropolen über Zwischenräume und Nichtorte. Er überquerte Brücken, nur um sich im letzten Moment übers Geländer ins Wasser zu stürzen, kletterte auf Bäume, die vor Hochhausfassaden die Natur imitierten, und warf sich unter Garagentüren hindurch, die gerade dabei waren, sich automatisch zu schließen.

In seinen Aktionen, die er in Foto- und Videoarbeiten festhält, führt Stumpf urbane Räume vor, die jede Stadt wie ihr eigenes Déjà-vu aussehen lassen. Seine beiläufigen, teils absurden, irritierenden Eingriffe tragen die Lust am kindlichen Spiel genauso in sich wie jene sprichwörtliche Einsamkeit des Großstädters.

Stumpf spielt die Hauptrolle in seinen tragikomischen Interventionen und ist doch nicht ihr Protagonist. Er bleibt als Person unerkannt, ein Mann ohne Eigenschaften, der als Identifikationsfläche für diejenigen auftritt, die ebenfalls verschwinden wollen.

Schweben zwischen Himmel und Meer

Seine neuesten Arbeiten führen zum Atlantik, ans Ende des europäischen und des nordamerikanischen Festlands, dorthin, wo die Zivilisation langsam zurück zur Natur findet. Wo genau sie sich abspielen, ist jedoch ebenso zweitrangig wie die Charakterisierung ihres Hauptdarstellers. Seine Kulisse ist nicht die Hochglanzarchitektur, sondern ihr Überrest: mit Tang bedeckte Betontreppen, überspült von Wellen, Felsen, verrostete Geländer, die ins Nirgendwo führen. In „Zenith“, einer Serie analoger Farbfotografien, balanciert Stumpf mit der Sehnsucht von Caspar David Friedrich und der Surrealität von René Magritte im Rücken auf der Horizontlinie, schwebt zwischen Himmel und Meer, während er den Selbstauslöser drückt. Die Übungen zur Schwerelosigkeit erinnern auch an Videosequenzen des Niederländers Bas Jan Ader, der in den siebziger Jahren das Fallen von Stühlen, Fahrrädern, Bäumen und Hausdächern zu seinem Hauptmotiv machte.

Wo Stumpf der Gravitation trotzt und die Naturkräfte besiegt, unterlag Ader ihnen: 1975 nahm er sich als performativen Kunstakt eine Atlantiküberquerung in einem Segelboot vor, das knapp ein Jahr später vor Irlands Küste trieb. Er selbst blieb verschwunden. Sebastian Stumpf braucht für seine Videoprojektion „Ozean“ kein Schiff. Stattdessen inszeniert er sein Verschwinden als Endlosschleife: Er watet über Felsen, taucht ins Meer und nicht wieder auf, nur um dieselbe Handlung an anderen Ufern zu wiederholen. Der Ausstieg aus dem Bild wird zum Ausstieg aus der Gesellschaft. Geradlinig, ohne Handlungsirritation, geht Stumpf den Weg zurück zur Natur.

Galerie Thomas Fischer, Potsdamer Str. 77 –87, bis 4.6.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben