Kultur : Sechs Figuren suchen eine Arbeit

ECKHARD FRANKE

Der Mensch wird zum Hamster.Das Laufrad zum Symbol für den Kampf um Arbeit.Um Broterwerb.Um die Identität als arbeitendes Individuum.Immer schneller rennt der Mensch über die Bühne des Lebens, ohne von der Stelle zu kommen.Am Ende hat er, wie oft schon, wieder nur verloren.Eine Erfahrung, millionenfach.

Das Mannheimer Theaterprojekt "Eins ist Noth" - der Titel ist einer anonymen Flugschrift aus der Büchnerzeit entlehnt - zeigt Menschen in strebender Entwürdigung: auf der Suche nach Arbeit in einem Land, in dem sieben Millionen Arbeitsplätze fehlen.Daß hier das Theater eines der drängendsten gesellschaftlichen Probleme ins Visier genommen hat, ist augenscheinlich, bezeichnend aber auch, daß das Mannheimer Ensemble auf kein Theaterstück aus unseren Tagen zurückgreifen konnte, sondern sich ihr eigenes selber erarbeiten mußte."Projekt" nennt sich so etwas seit den siebziger Jahren, und meist ist das dann besser gemeint als gemacht.Doch der Mannheimer Theaterabend überrascht schon durch seinen Spielort.Das Drama findet in einem engen, mit schwarzen Vorhängen abgegrenzten Spielraum statt, den sich die Theaterleute einige hundert Meter neben ihrem Bühnenbunker im Landesmuseum für Technik und Arbeit eingerichtet haben.Regisseur Manfred Weiß verzichtet auf Kroetzschen Küchenrealismus und Kleineleuteschmäh.Das Stück ist von nüchterner, bohrender Pointiertheit, dabei nicht ohne Komik.

Die Bühne: eine nackte Spielfläche mit ein paar orangefarbenen Stahlrohrstühlen.Sechs Schauspieler wechseln mit der raschen Abfolge der Szenen ihre Rollen: Einerseits spielen sie Arbeitslose, deren Biographien im Lauf des Abends immer deutlicher erkennbar werden, drei Männer, drei Frauen.Zum anderen schlüpfen sie wechselweise in die Rollen jener penetrant euphorischen Motivationstrainer, die heute so in Mode sind, oder in jenen neuartigen Typus des Personalvermittlers, der die Stellenbewerber durchleuchtet.

Ihr Durchsetzungsvermögen hat rücksichtslos zu sein, ihr Erfolgsstreben absolut, ihre körperliche und seelische Belastbarkeit immens.Die Abrichtung geschieht in "Assessment-Centern", und sie geschieht mit abgefeimten Fragetechniken und Rollenspielen, die unter den versammelten Bewerbern planmäßig angezettelt werden, genau registrierend, wie sich die Kandidaten unter zunehmendem Konkurrenzdruck mit- und gegeneinander verhalten.Am Ende ist in einer Art sozialdarwinistischer Auslese der "Fitteste" ermittelt.Das geht nicht ohne Demütigungen, setzt die Menschen unter enormen Druck, bringt sie an den Rand ihrer Selbstbeherrschung, ihrer Selbstachtung.

Präzise recherchiert präsentiert sich das Mannheimer Projekt, glänzend in szenisches Spiel umgesetzt, strukturiert durch die verdichteten Szenen in den Assessment-Centern, die dem künftigen Arbeitgeber einen gläsern gemachten Mitarbeiter präsentieren.Dabei ist das, was auf der Bühne passiert, durchaus nicht didaktisch dröge, soziologisch überspannt oder platt.

Dieser Abend ist bei aller Ernsthaftigkeit immer auch witzig und gewitzt, so zugespitzt wie lebensnah, gleichermaßen berührend und intelligent umgesetzt.Er spielt mit dem Erkennen oder gar Erschrecken des Zuschauers, der da selber stehen könnte, eines Tages, in der Psychomühle nackt und ausgesetzt: Wie weit würde ich da gehen, was alles würde ich machen, mit mir machen lassen?

Dahinter steht noch eine andere, prinzipiellere Frage: Was ist Arbeit heute? Wie definieren wir Erwerbstätigkeit, welchen Wert verkörpert sie über den bloßen Gelderwerb hinaus.Und wie muß eine Zukunft aussehen, in der die klassische Erwerbsarbeit ständig weniger wird, so wenig, daß sie nach heutigen Maßstäben in zwei Jahrzehnten nurmehr für ein Fünftel der Arbeitsbevölkerung ausreichen wird? Und die anderen achtzig Prozent? Ausgemustert, nutzlos, Parasiten?

Fragen, über die in Mannheim weiter diskutiert werden soll.Das Nationaltheater veranstaltet - zusammen mit dem Technik-Museum und dem DGB - eine Vortragsreihe.Denker wie Frithjof Bergmann oder Richard Sennett referieren über die Zukunft der Arbeit und über neue Definitionen und Formen wertschöpfender und sozialer Tätigkeit - sonntagmittags im Theater bei freiem Eintritt.Die Bühne als Forum.Es ist die 220.Spielzeit des Mannheimer Nationaltheater.Schiller lächelt zufrieden herüber.

Wieder heute und am 21.April, sowie im Mai

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