Kultur : Sechs Finger hat die Hand

Corinna T. Sievers über eine grausame Kindheit.

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Dieses Buch ist grauenhaft. Nein, kein gruseliger Thriller, der einem wohlige Schauer beschert, kein ärgerlich schlecht geschriebener Trivialroman. Corinna T. Sievers „Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung“ ist grauenhaft und zuweilen unerträglich, weil er die Geschichte eines Mädchens erzählt, das zu viel Unerträgliches erleiden musste.

Ein Kaff an der Ostsee in den Siebzigern. Ute wird mit Hasenscharte und sechs Fingern an jeder Hand geboren, die Mutter hat bei der Geburt 1,2 Promille und reichlich Valium intus, sie hat sich längst auf- und der Verwahrlosung hingegeben. Der Vater, heißt es, sei beim Anblick des verkrüppelten Säuglings davongelaufen. Die ältere Schwester versucht, das Unglückskind im eisigen See zu ertränken, doch der Dorftrottel fischt das Menschenbündel wieder heraus. Ein Leben voller Demütigungen folgt: Die Mitschüler quälen sie, der Stiefvater missbraucht sie, während die Mutter unbeteiligt daneben liegt. Die mit der Schwester ausgetauschten Zärtlichkeiten dienen lediglich deren körperlicher Befriedigung.

„Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung“ ist der zweite Roman von Corinna T. Sievers nach dem 2010 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienenen „Samenklau“. Klar und schnörkellos erzählt die gebürtige Fehmarnerin und praktizierende Kieferorthopädin von einem trostlosen Leben in materieller und emotionaler Armut. Nüchtern beschreibt sie, wie Ute verstummt, weil die Worte aus ihrem Mund mit der Hasenscharte komisch klingen, Unverständnis bei den Lehrern und höhnisches Lachen bei den Mitschülern erzeugen. Wie Ute Missbrauch und Schikane still erduldet und sich schließlich als Jugendliche an ihren Peinigern rächt. Zärtlich wirkt einzig die Liebesgeschichte zu ihrem Mitschüler Volkan, gut aussehend und beliebt, wegen seiner türkischen Wurzeln aber doch anders als die anderen. Er ist der einzige, der in Ute nicht eine Missgeburt sieht, sondern einen Menschen.

Nicht einmal 100 Seiten umfasst dieser Roman, der eher eine Erzählung ist. Man neigt beim Lesen dazu, das Gesicht zu verziehen vor soviel mitempfundenem Schmerz, Scham, Wut und Ekel. Trotzdem kann und will man sich der düsterenSiebziger-Jahre-Welt nicht entziehen. Im Nachwort ist der Brief einer jungen Frau abgedruckt, die als Kind von ihrem Vater missbraucht wurde. Ihr ist gelungen, was der Protagonistin verwehrt bleibt: das Schweigen zu brechen, sich von der dunklen Vergangenheit zu befreien und, wenn auch erst Jahre später, Anzeige zu erstatten. Sich damit zu trösten, dass Ute nur eine Romanfigur ist, ist nicht möglich: Ihre Geschichte ist wahr.Leonie Langer

Corinna T. Sievers: Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung. Edition Nautilus, Hamburg 2012.

91 Seiten, 14,90 €.

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