Kultur : Sechs Minuten Ewigkeit

Das Rätsel des Widerstands: Paul Greengrass erzählt in „Flug 93“ vom Schicksal der vierten Todesmaschine des 11. September

Kai Müller

„Roll it“, sagt einer, als die Passagiere losstürmen wollen, aber noch auf eine letzte Ermutigung, auf irgendein Zeichen warten, das ihnen sagt, dass sie das Richtige tun. Denn das wissen sie nicht. Ihr Flugzeug ist entführt worden, einer der Kidnapper hat etwas um den Bauch geschnallt, das wie eine Bombe aussieht. Die beiden Piloten liegen erstochen im vorderen Teil. Irgendjemand fliegt ihre Maschine, aber wohin und warum, das erschließt sich den vierzig im hinteren Kabinensegment zusammengedrängten Fluggästen nicht. Einige rufen über Bordtelefone zu Hause an. Sie erfahren, dass Passagiermaschinen ins World Trade Center gekracht sind. A suicide mission. Was sollen sie tun?

Let’s Roll – die beiden Worte, aus denen Neil Young später einen patriotische Rock-Hymne machen wird, gehen beinahe unter in den hastig gesprochenen Sätzen, die zwischen den hinteren Sitzreihen des Inlandfluges United Airlines 93 getuschelt werden. Dann springt der Kräftigste auf, stürmt los – und der Film verliert seine Bilder. Es ist 9 Uhr 57 am 11. September, sechs Minuten später schlägt der Flieger in einem Feld bei Shanksville, Pennsylvania, ein. Das Cockpit, in das die Reisenden einzudringen versuchten, bohrt sich acht Meter tief ins Erdreich.

„Flug 93“ ist der erste Großversuch, die Vorgänge von 9/11 auf der Leinwand zu erzählen – nach einer Kurzfilmkompilation von Claude Lelouch, Ken Loach, Amos Gitaï, Sean Penn und der Fernsehdokumentation „9/11“ der beiden französischen Regie-Brüder Naudet. Oliver Stones „World Trade Center“ mit Nicolas Cage soll im Sommer folgen. Der britische Regisseur Paul Greengrass hat sich für eine radikale Variante entschlossen. Seine semi-dokumentarische Rekonstruktion des einen Fluges von vier, der sein Ziel nicht erreichte, löst sich am Ende in ein zersplitterndes visuelles Inferno auf. Die Kamera kann die Gewalt, den Tumult, das Gestoße, Geschiebe und Gewürge gar nicht mehr einfangen, so sehr ist sie Teil des Geschehens. Mittendrin.

Worum es in den sechs Minuten geht, ob darum, die Attentäter davon abzuhalten, ein weiteres amerikanisches Wahrzeichen zu zerstören, oder darum, sich selbst zu retten, will Greengrass nicht beantworten. Wie sich sein atemberaubendes Dokudrama überhaupt jeder moralischen Bewertung entzieht. So nahe er den Protagonisten mit seiner Handkamera auch rückt, so wenig wird doch ergründet, erklärt, nach Motiven gesucht. „Flug 93“ ist keine Katastrophenschocker, Action-Thriller oder Heldenepos, kein tränenreiches „Titanic“-Spektakel der Lüfte, bei dem Menschen im Angesicht des Todes die Liebe oder dergleichen sentimentale Regungen entdecken. Vor allem die kühle Distanz macht Greengrass’ Film, der mit dem hintersinnigen Originaltitel „United 93“ in den USA bereits anlief und in dieser Woche in Deutschland startet, zu einem außergewöhnlichen cineastischen Ereignis.

Dessen These lautet: Wenn der 11. September die Welt verändert hat, gibt es keine Unbeteiligten mehr. Dann ist jeder mittendrin.

Vor dem ersten Bild hört man das kehlige Gemurmel eines Mannes, der im Morgengrauen Gebetsverse rezitiert. Man sieht ihn auf einem Hotelbett hocken: ein sympathischer, arabischer Student mit randloser Brille und kurzen Haaren. Sein Begleiter rasiert sich im Bad die Schamhaare. Das ist der Auftakt für eine Geschichte, die sich immer weiter auffächert und um Handlungsstränge, Protagonisten und Schauplätze erweitert. Denn während die 44 Insassen von „United 93“ in Newark noch auf die Starterlaubnis warten, kracht nur wenige Meilen entfernt das erste Flugzeug in die Zwillingstürme. Alles passiert nun gleichzeitig. Und um die Unübersichtlichkeit der Mehrfachentführungen zu veranschaulichen, erzählt Greengrass („Die Bourne Verschwörung“) den Verlauf der Katastrophe auch aus Sicht der Luftfahrtbehörden, die das Geschehen auf grün leuchtenden Bildschirmen zu erfassen versuchen. 4200 Flugzeuge sind zum Zeitpunkt des Attentats in der Luft. Die paar zu finden, die sich anormal verhalten, gleicht der Suche in einem Ameisenhaufen. Dass der United-Flug 93 auch dazugehört, begreifen die Lotsen und Militärs erst, nachdem die Maschine bereits zerschellt ist.

Dem Film gingen Gespräche mit Hinterbliebenen ebenso voraus wie eine akribische Recherche über die Umstände des Absturzes, sofern sie sich ermitteln ließen. Neben Ben Sliney, dem Chef der amerikanischen Luftraumüberwachung, spielen sich eine ganze Reihe von Beteiligten noch einmal selbst. So wird man in die wachsende Konfusion von Spezialisten hineingezogen, die auf CNN verfolgen können, dass sie es mit einer neuen Form des Terrors zu tun haben. Ihre Fassungslosigkeit ist ein guter Spiegel für Selbstgewissheit, mit der die amerikanische Politik sich die Gefahr seither vom Leib zu halten bemüht.

Auch an Bord von UAL 93 kapiert man erst allmählich, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Flugzeugentführung handelt. Noch immer ist es ein Mysterium, welche Schlüsse die Passagiere daraus gezogen haben. Doch trifft der martialisch als flight that fought back gerühmte Widerstand an Bord unweigerlich einen amerikanischen Nerv. Es habe sich, sagt Regisseur Greengrass, um „Leute wie wir“ gehandelt, also um Normalbürger, die im Angesicht der Katastrophe über sich hinausgewachsen sind. Das symbolische Kapital, an dem sich die geschundene amerikanische Seele aufrichten will, lässt sich da nicht ganz ausblenden. Weshalb die einzige unrühmliche Rolle in diesem Film einem Deutschen zufällt. Zuerst rät er den Mitreisenden, alles zu tun, was die Entführer verlangen, später bettelt er darum, man möge ihn als Ausländer aus dieser Sache bitteschön heraushalten.

Trotzdem lässt sich fragen, warum es der filmischen Annäherung an eine nur in Bruchstücken überlieferte Tragödie bedarf, wenn sie keinerlei Schlüsse zieht? Greengrass hat ein virtuos inszeniertes Erfahrungskino geschaffen. Ähnlich Steven Spielbergs „Saving Private Ryan“-Sequenz von der Landung der US-Truppen in der Normandie, die sich ebenfalls einer vermeintlich ungeschützten Binnenperspektive bediente, vermittelt „Flug 93“ etwas von der realen Gewalt, die in keinem Geschichtsbuch auftaucht.

Ab Donnerstag in zehn Berlin Kinos, OV in den Hackeschen Höfen sowie im Cinestar/Sonycenter.

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