Kultur : Sechste Runde

„Rocky Balboa“ kehrt in den Ring zurück

Martin Schwickert

1976 buchstabierte Regisseur John G. Avildsen mit „Rocky“ für die damalige Jugend den amerikanischen Traum vom unaufhaltsamen Aufstieg eines Underdogs durch. In fünf Folgen wurde die Figur gemolken, bis auch die härtesten Fans um Gnade winselten. Jetzt steigt Sylvester Stallone in „Rocky Balboa“ noch einmal in den Ring, um sich das zu verschaffen, was dem gemeinen Vorruheständler am meisten fehlt: Respekt.

Glücklicherweise versucht Stallone, der wieder das Drehbuch geschrieben und diesmal auch Regie geführt hat, erst gar nicht, das Alter seines Helden zu verbergen. Fast 70 Filmminuten lang wankt Rocky, der seit dem Tod seiner Frau Adrian mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart lebt, als massiver Trauerkloß durch die Handlung, und das Überraschende ist: Man schaut ihm gerne dabei zu. Das zerknautschte Gesicht, der zusammengesunkene Körper, die schleppende Sprache und die unbeholfene Gestik – Stallone hat lange genug in dieser Figur gewohnt, und die Art, wie er sie ins Alter überführt, spiegelt diese intime Vertrautheit wider.

Aber leider ist dem Drehbuchautor Stallone nichts Besseres eingefallen, als den alten Knaben gegen den amtierenden Champion Dixon (Antonio Tarver) noch mal in den Ring zu schicken. Und schon joggt Rocky wieder im Morgengrauen durch Philadelphia, stemmt in staubigen Fabrikgebäuden unglaubliche Gewichte und trainiert wie in guten alten Tagen im Schlachthof an rohen Rinderhälften. Natürlich gibt niemand ihm eine Chance. Und natürlich wird Rocky im Ring seine Sportlerwürde hammerhart verteidigen. Somit landet Stallone schließlich doch in der Narzissmusfalle. Denn im letzten Filmdrittel versinkt die liebevolle Figurenzeichnung und augenzwinkernde Selbstironie geradewegs in peinlichen Omnipotenzfantasien. Dabei ist Stallones von jahrzehntelangem Bodybuilding gezeichneter Oberkörper alles andere als ein erbaulicher Anblick, und die hektische Schnittfolge macht klar, dass hier heftig herumgetrickst werden musste, um einen halbwegs glaubhaften Kampf zwischen Rocky und Dixon zustande zu bekommen.

In 18 Berliner Kinos

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