Securitate : Vom Spitzel lernen

Rumäniens Kulturinstitut lädt Securitate-IMs ein. Es könnte eine interessante Tagung werden - oder tut man wieder, als sei nichts geschehen?

Richard Wagner

Wenn es zwei Institutionen gibt, deren Tätigkeit den Demokratisierungsstand Rumäniens mehr als alle anderen offenbart, so sind es das Berliner Kulturinstitut „Titu Maiorescu“, eine Art Goethe-Institut mit kulturpolitischem Auftrag, und das CNSAS, das nationale Amt zur Aufarbeitung der Securitate-Archive, also der Akten des kommunistischen Geheimdienstes, das bei seiner Gründung 1999 die Gauck-Behörde zum Vorbild hatte.

Der Blick ins Programm einer „Sommerschule“, die vom 19. bis 25. Juli im „Titu Maiorescu“ stattfinden soll, enthüllt eine Gemeinsamkeit der beiden Einrichtungen. Zwei der Vortragenden zum Thema „Deutschland und Rumänien. Akademische, kulturelle und ideologische Transfers“ sind einschlägig bekannte, ehemalige inoffizielle Mitarbeiter – vulgo Spitzel – der Securitate. Es handelt sich um den Historiker Sorin Antohi und den Germanisten Andrei Corbea-Hoisie.

Antohi fungiert sogar als einer von drei Leitern der Veranstaltung. Der Mann hat, oberflächlich betrachtet, eine akademische und bürgerrechtliche Bilderbuchkarriere vorzuweisen. Zuletzt lehrte er an der Budapester Zentral-Europa-Universität, einer Gründung von George Soros. Antohi war sogar im Direktorium der Stiftung. Als die Medien im Herbst 2006 seine Enttarnung als IM vorbereiteten, kam er der öffentlichen Anprangerung durch einen offenen Brief zuvor, in dem er seine Geschichte als Spitzel „Valentin“ zugab.

In der darauffolgenden Debatte kam zutage, dass der Philosoph Horia-Roman Patapievici – bis 2005 Mitglied des Direktoriums der Archivbehörde – bereits seit 2002 von Antohis geheimer Vergangenheit wusste. Patapievici leitet heute die Zentrale des rumänischen Kulturinstituts in Bukarest und ist damit oberster Schirmherr der Berliner Tagung. Kurz nach der Enttarnung Antohis kam heraus, dass er einen Doktortitel führte, den er nie erworben hatte, jedenfalls nicht an der von ihm angegebenen Universität Jassy. Sorin Antohi soll in Berlin drei wissenschaftliche Vorträge halten.

Andrei Corbea-Hoisie, Herder-Preisträger des Jahres 1998, Bukowina-Kenner und Celan-Exeget, war zuletzt Botschafter Rumäniens in Wien. Dort hat er, nach unfreiwilligem Rücktritt vom Diplomatenposten, eine romanistische Gastprofessur. Der vielseitige Mann, der unter Ceausescu einen Sonderstatus genoss, der ihm zahlreiche Auslandsreisen erlaubte, war ebenso für die Securitate tätig.

Unter dem Mitarbeiternamen „Horia“ hat er die intellektuelle Opposition in Jassy bespitzelt. Zu den Betroffenen gehört auch der prominente Literaturkritiker und Regimegegner Dan Petrescu, an dessen vom Geheimdienst betriebener Diskreditierung Corbea-Hoisie beteiligt war: Man versuchte den unbequemen Liberalen Petrescu als Rechtsextremisten zu diffamieren. Als im April 2007 die Archivbehörde ihr einstimmiges Verdikt sprach, das Corbea-Hoisie als Mitarbeiter der politischen Polizei benannte, widersprach er mit keinem Wort. Das Beweismaterial war erdrückend.

Es könnte eine interessante Tagung werden, wäre von all dem hier die Rede. Das aber ist nicht der Fall. Man wird wohl, wie in den alten Zeiten des Dialogs zwischen Ost und West, zwischen nützlichen Idioten und Geheimdienstzuträgern, vom Kulturaustausch sprechen, von den Einflüssen und nicht zuletzt von den Forschungsmethoden. So, als sei nichts geschehen. Als käme es zumindest nicht darauf an. Es kommt aber darauf an, in Deutschland wie in Rumänien. Kaum hat man dort mit der Aufarbeitung der Vergangenheit begonnen, schon fällt man zurück in die kollektive Amnesie. Wenn aber die Enttarnung nur eine folgenlose Pflichtübung ist, so ist es eine gute Zeit für Leute wie Antohi und Corbea-Hoisie. Die Demokratie aber bleibt, ohne verbindliche Werte, wehrlos.

Der Autor, geboren 1952 in Rumänien, lebt seit 1987 als Schriftsteller in Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben