Seeed : Deine Augen machen bling-bling

Es ist die standesgemäße Rückkehr einer der beliebtesten und besten deutschen Bands der nuller Jahre. Seeed haben mit ihrem Mix aus Dancehall, Rap, Reggae und Pop einen unverkennbaren Sound erschaffen. Nun veröffentlicht die Band nach sieben Jahren Pause ihr viertes Album

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Elf Freunde sollt ihr sein. Die Band Seeed, porträtriert im Stil des Cover-Artworks ihrer neuen Platte. Foto: Rocket & Wink
Elf Freunde sollt ihr sein. Die Band Seeed, porträtriert im Stil des Cover-Artworks ihrer neuen Platte. Foto: Rocket & Wink

Ein Hinterhof-Tonstudio in Kreuzberg. Goldene Schallplatten an den Wänden, ein Flügel im Aufnahmeraum. Gedränge in der kleinen Küche und im Regieraum. Techniker Gerd im braunen T-Shirt huscht zwischen dem riesigen Mischpult und dem daneben stehenden Computer hin und her. Der Grund für den Auftrieb liegt auf der Festplatte des Rechners: das neue, vierte Album von Seeed, ihr erstes seit sieben Jahren.

Die Presse darf „Seeed“ ein paar Wochen vor der Veröffentlichung schon mal hören. Sänger Pierre Baigorry, alias Peter Fox, schaut auch kurz rein, erzählt, dass die Band das Album selbst produziert hat und wünscht sich, dass die Abhörsession schön laut vonstatten geht. So geschieht es. Bald wippen Füße und nicken Köpfe. „Beautiful“, die erste Single, eröffnet das Album. Mächtiger Bass, swingende Bläser, extra-euphorischer Refrain – das auf Englisch gesungene Stück wirkt wie ein „Wir-sind–wieder-da“-Schrei mit drei dicken Ausrufezeichen dahinter.

Wie man eindrucksvolle Auftritte hinlegt, weiß die elfköpfige Berliner Band, die von Beginn an auch viel Wert auf die Optik gelegt hat und etwa in einheitlichen Mönchskutten oder schicken Glitzeranzügen auftrat. Für die Video-Premiere zu „Beautiful“ haben sie sich deshalb kürzlich einen exklusiven Platz bei der ARD gesucht: Genau vor der „Tagesschau“ war der in einer gezeichneten Fantasiestadt spielende Clip zum ersten Mal zu sehen. Die Live-Premiere des Songs ist am Freitag beim „Bundesvision Song Contest“ in der Berliner Max-Schmeling Halle – außer Konkurrenz allerdings, schließlich haben Seeed den Wettbewerb 2006 schon einmal gewonnen.

Es ist die standesgemäße Rückkehr einer der beliebtesten und besten deutschen Bands der nuller Jahre. Das multikulturelle Kollektiv hat seit seinem Debütalbum „New Dubby Conquerors“ (2001) mit seinem Mix aus Dancehall, Rap, Reggae und Pop plus deutschen und englischen Texten einen unverkennbaren Sound erschaffen. Diese Berliner Mischung Marke „Dickes B“ klingt zugleich international und lokal – ein Kunststück, das nur wenigen gelingt. Seeed füllen bald in ganz Deutschland große Konzerthallen, ihr drittes Album „Next“ klettert auf Platz zwei der Charts und erscheint auch im europäischen Ausland. Im selben Jahr spielt die Elfer-Bande zudem bei der Eröffnungsfeier der Fußball-WM in München. Doch auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit nehmen die Berliner 2007 eine Auszeit.

Alle drei Sänger bringen Solo-Alben heraus: Frank Dellé setzt auf Roots-Reggae, Demba Nabé produziert unter dem Projekt-Namen Boundzound ein Dancehall/Electro-Album, und Pierre Baigorry stellt 2008 als Peter Fox mit „Stadtaffe“ den bisherigen Seeed-Erfolg in den Schatten. Monatelang steht das Werk, das sich mehr als eine Million Mal verkauft, in den Top Ten. Fox gewinnt vier Echos und noch einmal den Bundesvision Song Contest. Vom Grundschulkind bis zum Mittfünfziger können sich zwei Sommer lang alle auf den urbanen Pop des rothaarigen Kreuzbergers einigen. Doch Fox wird der Trubel um seine Person bald zu viel und er verkündet das Ende des Solo-Projekts.

Das erste Seeed-Lebenszeichen erklingt dann 2010 in Form der Single „Molotov“, die auch auf dem neuen Album zu hören ist. Mit dem kurzen, punkig daherkommenden Song, der ein rotziges E-Gitarrenriff mit schnellen Claps und Baigorrys Sprechgesang kombiniert, entfernt sich die Band weit von ihrem angestammten Gebiet. Es klingt allerdings mehr nach Fingerübung für Gitarrist Rudeboy Rudy, der sein Instrument noch einige weitere Male nach vorne schieben darf. Ein Rockalbum ist „Seeed“, das ganz ohne prominente Gäste auskommt, deswegen aber nicht geworden. Die Band setzt weiterhin auf ihren eingeführten Sound und macht gelegentlich kleine Stil-Ausflüge.

„Wir wollen uns nicht einfach wiederholen, sondern weiter Songs und Live- Shows machen, die uns selber gefallen – und mich zumindest begeistert immer eher etwas Freshes, als etwas hundert Mal Gehörtes. Andererseits ist es gut, wenn wir irgendwie wiedererkennbar sind und nicht plötzlich eine riesige 180-Grad- Wende machen“, sagt Pierre Baigorry in einem auf der Band-Website veröffentlichten Interview. Das „Frische“ zeigt sich vor allem in den von ihm angeführten Stücken wie etwa in „Waste My Time“, dessen von schnellen Synthies getriebener Refrain auch gut zum krawalligen Partysound von Deichkind passen würde. In eine ähnliche Richtung geht „Seeeds Haus“.

Ein Höhepunkt ist das größtenteils von Pierre Baigorry gesungene „Augenbling“, das an seine „Stadtaffe“-Platte erinnert. Im Text hat er sogar eine Anspielung auf seinen Hit „Schwarz zu Blau“ eingebaut: „Aus dem Nichts wurde Schwarz zu Bunt/Aus dem Platz an der Bar wurde Haus und Hund“. Dazu bollert ein kraftvoller Beat, die E-Gitarre scheint von „Guten Tag“ der Berliner Kollegen Wir sind Helden inspiriert zu sein, obendrauf kommt eine fette Bläser-Fanfare. Eine Nummer mit Hitgarantie – schon, weil sich die Zeile „Deine Augen machen bling-bling, alles ist vergessen“ so erbarmungslos im Kopf festkrallt.

Demba Nabé und Frank A. Dellé, die traditionell die Roots-Elemente dominieren, sind auch weiterhin für entspannte Atmosphäre zuständig. Besonders gut ist ihnen das bei der dubbigen Coverversion des Achtziger-Hits „Wonderful Life“ gelungen sowie bei dem Reggae- Stück „You and I“, das sich um die ewige Liebe dreht. Diese ist neben Sex ohnehin das wichtigste Thema auf „Seeed“. Auch weibliche Hinterteile spielen eine gewisse Rolle, was der 41-jährige Pierre Baigorry folgendermaßen erklärt: „Ärsche sind ein dankbares, schnell und vielseitig zu bearbeitendes Thema! Das kommt auch echt von Herzen. Vielleicht sind wir auch nur simpel gestrickt oder einfach etwas spätpubertär. Ich weiß aber, dass wir zumindest den meisten Jungs aus dem Herz sprechen.“

Sicher lassen sich auch die Damen wieder für den Seeed-Sound begeistern. Nach der Listening-Session im Kreuzberger Studio läuft eine junge Kollegin jedenfalls gut gelaunt durchs Treppenhaus und pfeift die Melodie von „Beautiful“.

„Seeed“ erscheint am 28. September bei Downbeat/Warner, Konzerte: 8./9. Dezember, 20 Uhr Max-Schmeling-Halle Berlin

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