Kultur : Seekrankheit der Seele

Ost und West beim Filmfestival in Venedig: das Weltkino als Spiegel des globalisierten Menschen

NAME

Von Jan Schulz-Ojala

Ja, die Russen, überhaupt die Osteuropäer: Vor lauter Seele vergessen sie alles andere, Sinn für Form zum Beispiel und Struktur. Dagegen die Amerikaner, überhaupt die Westler: Vor lauter Herumbasteln an der perfekten Hülle vergessen sie, worauf es ankommt im Leben und (Filme-)Lieben – die Seele. Und erst die Asiaten: Wie gusseisern die Form, in die sie ihre vulkanisch brodelnden Seelen zwängen! Kein Wunder, dass in solchem Lebenskessel die Gewalt implodiert.

Klischees, klar, im Schlaf zu Akkordeon, Banjo oder Harfe zu singen. Und doch behaupten sie umso mehr Wahrhaftigkeit, je deutlicher die Erdenbewohner im Zeitalter des One-and-only-Kapitalismus zum Abschleifen ihrer tradierten Unterschiede eingeladen sind. Wenn das Weltkino ein Spiegel ist, in dem der globalisierte Mensch sich selbst erkennt, dann triumphiert auch darin derzeit das Klischee. Vorausgesetzt, das Filmfestival am Lido hat seinen wichtigsten Job gemacht: seinen Tausenden von Besuchern diesen Spiegel auch blank zu putzen.

Die Polin Agnieszka Holland und die Russen Andrzej Konchalovsky und Sergej Bodrov stehen am Lido für Osteuropa ein – und weil sie teilweise in englischer Sprache für den Weltmarkt drehen, eignen sie sich perfekt für den Globalisierungstest. Wieviel von der östlichen „Seele“ haben sie sich in Hollywood oder im westeuropäischen Fördergremiendschungel bewahrt? Alles. Was haben sie von der westlichen Filmkonstruktionsdisziplin inhaliert? Irgendwas. Das Ergebnis sind aufregend misslungene Filme.

Mit „Julie Walking Home“ hat sich die Wajda-Schülerin Agnieszka Holland dramaturgisch am weitesten, in das pure Chaos vorgewagt. Alle 20 Minuten beginnt gewissermaßen ein neuer Film, zusammengehalten durch die turbulente Seelenreise Julies (Miranda Otto): Erst wird die polnisch-kanadische Katholikin von ihrem Ehemann betrogen; dann erkrankt ihr Sohn an Krebs, weshalb die Ehekrise keine Rolle mehr spielt; und als sie sich in Polen in einen Wunderheiler verliebt, ist fortan – so grausam kann das Drehbuch der Liebe sein – die Krankheit des Kindes schnurzpiepegal. Der Film imponiert nur insofern, als er sich leidenschaftlich jeweils dem nächststärkeren Effekt ergibt. Holland diagnostiziert Julies Krankheit, die Seekrankheit der Seele, nicht – sie hat sich ihr selbst mit Haut und Haar ergeben.

„Habt keine Angst davor zu glauben“: Mit solch rührender Beschwörungsformel sucht Sergej Bodrov das Festivalpublikum auf „The Bear’s Kiss“ einzustimmen – aber der Glaube im Kino ist nun mal keine Frage des Mutes oder des Bekenntnisses, sondern allenfalls über innere Wahrhaftigkeit und Stimmigkeit zu gewinnen. Bodrov erzählt ein Road-Movie von Sibirien nach Spanien und wieder zurück: Ein Zirkuskind (Rebecca Liljeberg) verliebt sich in seinen Bär, der sich nachts in einen stämmigen jungen Mann (Sergej Bodrov jr.) verwandelt. Als die böse Wirklichkeit immer näher rückt, flüchtet sich der Film in ein märchenhaftes Happyend. „The Bear’s Kiss“, gedacht wohl als Kreuzung aus „The Beauty and the Beast“ und „La Strada“, ist ein Kinderfilm, für den der Zuschauer kindliche Liebe aufbieten muss: eine geradezu grausame Fehlbesetzung.

Andrzej Konchalovsky wiederum bringt in „Das Narrenhaus“ das Kunststück fertig, in einem bildmagiesüchtigen Antikriegsfilm den musikalischen Schmalzschnuller Bryan Adams auftreten zu lassen. Adams ist der erträumte Verlobte von Jeanne, Insassin eines Irrenhauses zwischen den Fronten im Tschetschenien-Krieg 1996. Eines Tages tritt in dieses Wahnreich ein verwegener Soldat und macht der Verrückten einen Heiratsantrag. Drumherum inszeniert Konchalovsky ein bisschen falschen Krieg und ein bisschen echte geistig Behinderte. Das sieht packend aus – aber es reißt eher am Zuschauer herum, als ihn mitzureißen. Und während der Regisseur ihm die nicht eben frische Moral vom Wahnwitz aller Kriege einzudröhnen sucht, denkt der darüber nach, wie moralisch es ist, sichtbar hilflose Kranke der Hölle solcher Dreharbeiten auszusetzen.

Trotzdem: Solche Filme bewegen. Sie machen wütend auf ihr Pathos, oder sie rühren durch ihre Blößen – das meiste dagegen, was die Routiniers aus dem Kaufhaus des Westens am Lido zu bieten haben, lässt kalt. Und umso kälter, je brüllender sie auf sich aufmerksam zu machen suchen. Gähnen produziert „Ken Park“, der neueste Film von Larry Clark, der seit „Kids“ die immergleiche Geschichte erzählt: nur dass bei dem mittlerweile 59-Jährigen mit seiner Obsession für labbrige Jungsslips und knackige Mädchenschenkel inzwischen ohne Blowjobs und Samenerguss nichts mehr geht. „Pornografie“, rufen die Gegner, „Sozialkritik“ tönt Clarks Echo dagegen. Dabei ist an seinem Kino allein das Reiz-Reaktions-Schema obszön: Clark braucht die Skizzen der Gewalt zwischen den Generationen im Global Village, Ortsteil Kalifornien, um den Sex als Gipfel des Bösen – oder als Pausenfüller – zu zeigen. Und von beidem immer mehr.

Wie elegant dagegen Todd Haynes’ „Far from heaven“ , einer der Favoriten im bislang schwachen Wettbewerb – oder auch Patrice Lecontes „L’homme du train“! Und doch, virtuose Stilübungen bloß. Todd Haynes recycelt die Douglas-Sirk-Melodramenwelt bis in die Kostüme und Farbgebung hinein – mit dem minimalen Unterschied, dass seine Gutbürgersfamilie an der sich entpuppenden Homosexualität des Mannes und der Neigung der verlassenen Gattin zu einem schwarzen Gärtner zerbrechen darf. Ansonsten ist der von Julianne Moore und Dennis Quaid vorzüglich gegebene Stoff so aufregend wie ein Cosmopolitan-Heft der 50er-Jahre. Auch Lecontes „L’homme du train“, mit Johnny Halliday und Jean Rochefort in den Hauptrollen, begnügt sich mit der Bebilderung einer einzigen Idee: der Geschichte zweier altgewordener Männer – ein Krimineller und ein pensionierter Lehrer –, die einander gestehen, dass sie vielleicht lieber das Leben des anderen gelebt hätten. Doch zu spät! „L’homme du train“ meint, gültig vom gewaltigen Thema der menschlichen Identität zu reden, an dem sich die großen Regisseure dieser Welt schon großartig den Kopf zerbrochen haben – und ist doch nicht mehr als deren mit hübschen Sprechblasen vernebelte Comic-Version.

Bleiben die Asiaten, Der Japaner Takeshi Kitano, das Kino Taiwans, die neuen Regisseure aus Korea: Von ihnen wird zu reden sein, wenn es ernsthaft an die Verleihung der Goldenen Löwen geht. Auch das ein Klischee, durch Erfahrung beglaubigt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar