Kultur : Seelen im Höhenflug

MUSIK

Carsten Niemann

Und es gibt doch Kultiges in der Touristen- meile rund ums Tacheles! In der Auguststraße 90, wenige Schritte vom Kneipendunst entfernt, lockt der neoromanische Torbogen von St. Johannes-Evangelist in eine andere Welt: Von der Decke des ehemals als Magazin genutzten Kirchenraums fällt bleiches Licht durch drei Rosetten. Keine harten Kirchenbänke verstellen die Basilika. Man nimmt sich einen Stuhl oder lagert sich mit Weinglas auf Rotkreuzdecken. Da tauchen im Halbdunkel die Schemen von Vox Nostra auf: drei Sänger und drei Sängerinnen, die bis zum 13. Juni immer sonntagnachts von 22 bis 23 Uhr die „Nokturn“ absingen: das feierlichste der mittelalterlichen Stundengebete.

Die meditationsbereite Spaßgesellschaft, der hier zum Preis eines großen Hefeweizens Kirchenasyl gewährt wird, muss dabei nicht mit einstimmigem gregorianischem Gesang vorlieb nehmen: das Spezialensemble hat in alten Traktaten die Kunst der improvisierten mehrstimmigen Begleitung studiert und bietet neben ruhig atmenden „Antiphonen“ und rezitierenden „Lektionen“ auch Conductus-Motetten, wie sie einst nur den würdigsten Kultstätten der Christenheit à la Notre Dame de Paris vorbehalten waren. Dabei gibt es weit mehr zu hören als bloß den puristischen Notentext mit seinen dominierenden „reinen“ Quinten und Oktaven: scharfe Vorhalte, sinnliche Terzen, Spreizungen des Klangraums in die Höhe und Tiefe und sogar delikate Vibratoeffekte lassen die streng gefügte Musik kaleidoskopartig schillern, glänzen, abheben. Die eine oder andere Seele fliegt mit.

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