Kultur : Seelen und Autos brennen

Goethes „Tasso“ und Crimps „Weniger Notfälle“ am Wiener Burgtheater

Christina Kaindl-Hönig

„Warum fühle ich mich nicht mehr lebendig“, fragt die Stimme der namenlosen Mutter in Martin Crimps jüngstem Seelendrama „Weniger Notfälle“. Es „zwingt das Leben uns zu scheinen“, sagt Torquato Tasso in Goethes gleichnamigem Künstlerdrama schon 1789. „Die Menschen kennen einander nicht“, so die Antwort Tassos auf die Frage nach der Conditio humana – damals wie heute.

Zwiefach Nachricht aus dem beschädigten Leben gibt das Wiener Burgtheater: Stephan Kimmig brachte „Torquato Tasso“ auf die große Bühne der Burg, Friederike Heller, Nachwuchsregisseurin 2005, „Weniger Notfälle“ als deutschsprachige Erstaufführung auf die kleine des Kasinos. Zwei klaustrophobische Kammerspiele: Goethes Klassiker über das problematische Verhältnis des Dichters zur Gesellschaft, eingebettet in eine nahezu offene Dramaturgie. Und Martin Crimps assoziatives Gewebe psychoanalytischer Fallstudien aus einer entpersonalisierten Welt des schönen Scheins, unter deren Oberfläche Gewalt und Unterdrückung lauern. Die gesellschaftlichen Disziplinierungsmaßnahmen und deren Auswirkungen auf die Individuen einen die Stücke.

Goethe machte aus dem historischen Tasso einen neurotisch-sensiblen Dichter des 18. Jahrhunderts: einen „gesteigerten Werther“ im Korsett höfisch-vornehmer Affektkontrolle, zerrieben zwischen „erlaubt ist, was gefällt“ und „erlaubt ist, was sich ziemt“. Beim englischen Gegenwartsdramatiker Crimp geht der Ich-Verlust der Menschen so weit, dass sie in der totalen Anpassung an die gesellschaftlich verordneten „Bilder des Glücks“ beginnen, Stimmen zu hören. Die Überforderung, Dramen zu vermitteln, deren Entwicklung weniger durch äußere Handlung als durch subtile Bewegung im Inneren einer hochstilisierten Sprache vorangetrieben wird, eint leider auch die Regisseure dieser beiden Burgtheaterprojekte.

Stephan Kimmig skelettiert Goethes Dramenfiguren so weit, dass nur noch Schablonen übrig bleiben: Monaden sprechen Text, als müssten sie sich diesen vom Leib halten. „Moderne“ Menschen, steif, nervös posierend, bevölkern den Garten des Lustschlosses Belriguardo, der in Katja Haß’ Bühnenbild zu einem Museumsraum geworden ist: Wie eine Riesenamöbe ragt ein leuchtender Zeppelin aus Pergamenthaut in den Bühnenraum – die Privatsammlung eines Managers von heute (Joachim Meyerhoff), der im weißen Anzug Tai-ChiÜbungen macht. Mit sanfter Gewalt hält er seine Schwester (Caroline Peters als Leonore von Este) und deren Freundin Leonore Sanvitale (Myriam Schröder) am Hof, wie auch seinen jungen Künstler: Philipp Hochmair gibt den grinsenden Outcast, der sportiv auf dem Kopf steht und den Lorbeerkranz für sein fertiges Buch bockig verweigert. Wie ein unartiges Kind wird er aufs Zimmer verwiesen, nachdem er mit Antonio (Michael Wittenborn) gebalgt hatte. Weder Antonios Verachtung noch die Liebe der Prinzessin werden spürbar in Kimmigs Inszenierung.

Im zweiten Teil hockt Tasso auf einer Pyramide aus alten Möbeln in seinem Künstleratelier und spricht seine Gedanken auf Tonband wie Becketts Krapp. Nur die Prinzessin dringt bis zu ihm vor. Er küsst ihr Schulter, Haar und Mund und meint doch gar nicht sie, nur die Idee von Liebe. Kimmigs Tasso ist ein launig-verschlossenes Kind im Menschenzoo versteinerter Seelen. Weder das Geflecht aus merkantilen und emotionalen Interessen noch das Ringen des Künstlers um Freiheit werden sichtbar. Die Heterogenität der Stilmittel – Deklamieren wechselt mit einfühlsamem Sprechen, Statik mit manierierten Gesten – verflacht die Figuren und macht den Abend für den Textunkundigen unverständlich.

Negiert Kimmig die Notwendigkeit, sich mit der Sprache auseinander zu setzen, so bleibt Friederike Heller mit ihrer Inszenierung von Crimps surrealem Stück zu sehr an der Rekonstruktion eines naturalistischen Szenarios hängen. Sie macht aus „Weniger Notfälle“ einen Freundesabend im uniformen Design-Bühnenwürfel (Ausstattung: Sabine Kohlstedt): Johanna Eiworth, Philipp Hauß und Dietmar König plaudern sich, unterstützt durch den Wiener Pop-Barden Ernst Molden mit Band, harmlos durch einen Text, der die Rekonstruktion eigener wie fremder Biografien bedeuten könnte: Drei lose zusammenhängende Minidramen zeigen die scheinbare Idylle einer Kleinfamilie, die verstörende Amok-Fantasie über ein Blutbad in einer Schule und den am Ende offen bleibenden Rettungsversuch eines kleinen Jungen.

Innerlich brennen die Seelen, auf den Vorstadtstraßen die Autos. Das Unbehagen, das unter der brüchigen Oberfläche des um Kontenance ringenden Sprechens pulsiert und in Form von irritierenden Wiederholungen, Stockungen und Simultandialogen aufbricht, bringt Heller in eine leicht konsumierbare Ordnung: Da gibt es hysterische Ausbrüche und freundschaftliches Aneinanderkuscheln, anteilnehmendes Zuhören und kaltes Ignorieren, doch die Verzweiflung, die aus dem Text drängt, bleibt ebenso auf der Strecke wie Tassos Ringen um Autonomie.

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