Kultur : Seelenflaneur

Dem Komponisten Henri Dutilleux zum 90.

Christiane Tewinkel

Einen Tüftler hat man ihn genannt, einen Flaneur der Seele und den kleinen Bruder Alban Bergs. Der im westfranzösischen Angers geborene Henri Dutilleux gehört zu den meistgehörten Komponisten unserer Zeit; allein von seiner Symphonie „Le Double“ (1957-59) liegen inzwischen sechs verschiedene Einspielungen vor. Was die Präsenz auf dem Schallplattenmarkt angeht, rangiert der französische Komponist knapp hinter Schostakowitsch, eine Ausnahmeposition, die nicht allein damit zu erklären ist, dass Klassikstars wie Anne-Sophie Mutter zu seinen Widmungsträgerinnen gehören.

Dutilleux’ Musik ist durchdacht, ohne konstruiert zu klingen. Fünfzehn Jahre lang etwa hat er an den neun Minuten des für Mutter komponierten „Nocturne“ gearbeitet, nicht ohne zuletzt noch mehrere Revisionen nachzuliefern. Darüber hinaus bleiben seine Kompositionen noch in den aufgeregten Passagen etwa des Orchesterfünfstücks „Métaboles“ von 1965 zugänglich und unaggressiv. Das Erbe Debussys und Ravels ist Dutilleux’ Werken deutlich anzuhören – die Einbindung ungewohnter Tonvorräte, der Hang zu Flächigkeit und Pointillismus. In diesem Mut zu klanglicher Schönheit verweigert sich seine Musik dem ewigen Zwang der Avantgarde zum Widerständigen.

Die frühen Werke hat der zurückgezogen in Paris Lebende allesamt verworfen. Sein Opus Eins dann, die Klaviersonate von 1948, uraufgeführt von Dutilleux’ Ehefrau, der Pianistin Geneviève Joy, markiert den Anfang eines schmalen Œuvres aus gut zwanzig Kompositionen, darunter die erste Symphonie von 1950/51 und Werke, die lyrisch verdichtet antizipieren, was sich klanglich-musikalisch zutragen wird: das für Mstislav Rostropowitsch geschriebene Cellokonzert „Tout un monde lointain“ („Eine ganz ferne Welt“, 1970), das Streichquartett „Ainsi la nuit“ („So die Nacht“, 1976) oder das Violinkonzert „L’arbre de songes“ („Der Baum der Träume“, 1985). Schon 1938 erhielt Dutilleux den Prix de Rome. Von 1944 bis 1963 leitete er die Musikproduktion des französischen Rundfunks; nach den beiden anderen großen französischen Komponisten der Gegenwart, Olivier Messiaen und Pierre Boulez erhielt auch Dutilleux im vergangenen Jahr den Ernst von Siemens Musikpreis. Heute wird der Klangpoet und Partiturentüftler neunzig Jahre alt.

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