Kultur : Seelenfrieden im Hochgebirge

Erlösung in Davos: Das Kunstmuseum Basel entdeckt die Frühzeit des Malers Ernst Ludwig Kirchner

Bernhard Schulz

Bei Ernst Ludwig Kirchner fallen Haupt- und Spätwerk geradezu in Gegensätze auseinander. Hie die nervösen Zuckungen der kurzen, doch so ungemein intensiven Berliner Jahre von 1911 bis zum Kriegsausbruch; da der beruhigte, gewollte Spätstil ab 1925/26.

Dazwischen liegen die Jahre, die der 1880 geborene Kirchner nach seinem Zusammenbruch ab 1917 in Davos verbrachte; noch nicht von Anbeginn mit dem Wunsch zu bleiben, sondern zunächst als Rekonvaleszent. Diesem ersten, knappen Davoser Jahrzehnt ist jetzt eine Ausstellung des Kunstmuseums Basel unter dem Titel „Ernst Ludwig Kirchner – Bergleben“ gewidmet, die mit 130 Arbeiten auf Leinwand, Papier, in Holz und Stoff sowie Fotografie erstaunlich reichhaltig ausfällt. In Basel hatte Kirchner 1937 die letzte große Ausstellung zu Lebzeiten. Ein Jahr darauf setzte er seinem Leben ein Ende. Der bemerkenswerte Publikumszuspruch in Basel, das die einzige Station der Ausstellung bleiben wird, unterstreicht, dass hier eine Bereicherung des bisherigen Kirchner-Bildes erfolgt; vorbereitet allerdings durch eine ähnliche Ausstellung 1988 in Davos. Das dortige Kirchner-Museum bleibt ohnehin der Ort, um Werk und Landschaft zusammen zu sehen.

Bislang wurde das Spätwerk Kirchners meist unter dem Verdikt der Verflachung abgetan. In der Tat fällt es schwer, etwa den Berliner Straßenszenen von 1914 Gleichwertiges aus späteren Jahren an die Seite zu stellen. Kirchner selbst hat das gespürt. Er war auf seinen Platz in der Kunstgeschichte sehr genau bedacht; daher auch nahm er Korrekturen an früheren, in seinem Besitz verbliebenen Werken im Sinne einer neu errungenen Monumentalität vor. Doch das geschah erst ab Mitte der zwanziger Jahre.

Dazwischen liegt die Auseinandersetzung mit dem ungewohnten Themenkreis des Berglebens. „Kirchner war seit Hodler der erste Maler, der die Berge in neuer Form gestaltete“, schrieb ein Kritiker namens Louis de Marsalle 1927 über Kirchner: Der war niemand anderes als der Künstler selbst, der sein eigenes Werk in ein günstiges Licht zu rücken suchte. Doch er hatte Recht. Das Erlebnis der Bergwelt und des entbehrungsreichen Lebens der Bergbauern führte zu einer Fülle von Bildlösungen, die kein konsistentes Ganzes ergeben wie beispielsweise bei Hodler, sondern Zeugnis ablegen vom stets neuen Versuch, der Gebirgswelt mit ihren Farben und Formen Ausdruck zu geben.

Kirchner sog das Naturschauspiel geradezu in sich auf. „Dabei war heute Morgen ein so wundervoller Monduntergang, auf rosa Wölkchen der gelbe Mond und die Berge rein tiefblau“, schrieb er in einem Brief Anfang 1919. Wenig später entstand das Bild, das der Künstler bereits vor dem inneren Auge hatte: „Wintermondlandschaft“. Es wurde 1923 für das Museum in Magdeburg angekauft – ein Beleg dafür, dass Kirchner in Deutschland nach dem Krieg durchaus nicht vergessen war, wie er sich selbst ängstigte. Dieses wohl schönste Gemälde seiner Davoser Zeit wurde 1937 als „entartet“ beschlagnahmt und kam 1939 in die USA. Ihm an die Seite zu stellen wäre die „Stafelalp bei Mondschein“ aus demselben Jahr, mit 138 mal 200 Zentimetern eines der größten Formate der Ausstellung, das gegenüber dem strahlenden Rot- Blau-Akkord des ersteren Werks einen giftigen Grün-Gelb-Kontrast zeigt.

Es erstaunt die motivische und stilistische Spannbreite, die Kirchners Werk in den frühen Davoser Jahren aufweist. Neben Landschaftsbildern stehen Darstellungen des bäuerlichen Alltags, aber auch Interieurs und Selbstportraits. Das frühe „Selbstbildnis als Kranker“ von 1918 weist noch zurück auf die quälenden Selbstbefragungen der Kriegsjahre; das „Selbstportrait mit Katze“bezeugt zwei Jahre später die unterdessen errungene, wenn auch noch fragile Selbstsicherheit. Das Leben der Bergbauern zeigt Kirchner auch malerisch als Einklang mit der Natur: Figuren und Landschaft verschmelzen zu ornamentaler Einheit.

Die – vermeintliche – Urwüchsigkeit solchen Daseins sucht Kirchner in entsprechenden Formaten zu monumentalisieren. Leider konnten die beiden vier Meter breiten Großformate des „Sonntags der Bergbauern“ und der „Szene am Brunnen“ nicht für die Ausstellung gewonnen werden. Doch deren friesartige Aufreihung der Figuren wird auch in anderen Bildern zum Stilmittel, etwa dem Selbstbildnis „Vor Sonnenaufgang“. Im Kontrast zu der zunehmenden Flächigkeit der Gemälde stehen die sorgfältig bearbeiteten Holzskulpturen, die Kirchner bis zur Lebensgröße des Paares „Adam“ und „Eva“ von 1921 steigert, das den Eingang zur Basler Ausstellung bewacht.

Kirchner hat stets fotografiert. Seine Aufnahmen vom Wildbodenhaus, in das er Ende 1923 von der abgelegeneren Stafelalp umzieht, zeigen den Einbruch der modernen Technik in die eben noch als unwandelbar heroisierte Bergwelt: Straßen und Telegrafenmasten. Ansichten von Davos entstehen aus der Postkartenperspektive. Im „Bahnhof von Davos“ von 1925 und der kühn gespannten „Brücke bei Wiesen“ aus dem folgenden Jahr schließlich trägt die Technik den Sieg über die Natur davon. Die Bergwelt hat ihren Schrecken verloren – und in Kirchners Malerei ihren Platz als metaphorischer Ort einer Erneuerung, wie sie die Expressionisten nach dem Krieg erhofft hatten. Ernst Ludwig Kirchner war gewissermaßen in die Welt zurückgekehrt.

Basel, Kunstmuseum, bis 4. Januar. Katalog bei Hatje/Cantz, 48 SFr., im Buchhandel geb. 39,80 €. – Weitere Informationen: Schweiz-Tourismus, Tel. 00800/ 10020030 oder im Internet: www.MySwitzerland.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben