Kultur : Seelenmassage

Berliner Konferenz zur europäischen Kulturpolitik

Juliane Schäuble

Nicht oft wird eine Ansprache als so wegweisend angekündigt wie die von José Manuel Barroso zu Beginn des dreitägigen Symposiums „Europa eine Seele geben“. „Eine große Rede“ verspricht Bundestagspräsident Norbert Lammert, Volker Hassemer, Mitinitiator der Konferenz, erhofft sich ähnlich „denkwürdige“ Worte wie zwei Jahre zuvor. Der EU-Kommissionspräsident habe bei der ersten „Berliner Konferenz für Europäische Kulturpolitik“ einen „Paradigmenwechsel“ eingeleitet: Kultur werde seither als „Zukunftsvoraussetzung“ anerkannt.

Barroso gibt sich Mühe, im Atrium der Dresdner Bank am Pariser Platz. Das Besondere an Europa sei die Vielfalt; seine Kultur gründe aber auf gemeinsamen Werten, Humanismus und Demokratie. Diese Freiheitswerte, laut Barroso weltweit „durch Fanatismus, Fundamentalismus und Intoleranz“ bedroht, müssten verteidigt werden: „Sie sind nicht verhandelbar.“ Oft gehörte Worte, zustimmendes Nicken. Erst als der Kommissionspräsident warnt, diese Freiheit im Kampf gegen den Terrorismus zu verlieren, wird er von Applaus unterbrochen.

Doch die beste Rede hält ein Amerikaner: George Soros, legendärer Investmentbanker, heute Philanthrop und Vorsitzender des Open Society Institute. Der gebürtige Ungar hält den Europäern vor Augen, was als „leuchtendes Beispiel“ für eine „globale offene Gesellschaft“ dienen könne: Rechtsstaatlichkeit, Souveränitätsverzicht, Kooperation. Die Europäische Union sei „Schritt für Schritt“ aufgebaut worden – von oben. Nun sei dieser Prozess zum Erliegen gekommen. Wenn die EU „wieder aufleben wolle, dann, weil die Menschen es wollen“. Die Zivilgesellschaft müsse mobilisiert werden. Genau das will die Konferenz.

Kann Europa nicht mehr begeistern? Etwas müde geworden sei es, gibt manch Anwesender zu. Anderthalb Jahre ist es her, dass Franzosen und Niederländer die Verfassung ablehnten. „Es ist zu wenig gelungen, die Grundlagen, unsere Werte, deutlich zu machen“, erklärt Hans-Gert Pöttering, künftig EU-Parlamentspräsident. Mag die Leidenschaft im „alten“ Europa eingeschlafen sein – aus den neuen Mitgliedsstaaten weht ein frischer Wind. Dafür stehen schon die vielen jungen Teilnehmer aus Ost- und Südosteuropa. Und emotional wird es, als der ehemalige polnische Außenminister Bronislaw Geremek in perfektem Französisch die entscheidende Frage stellt: „Warum wollen wir ein gemeinsames Europa?“ Wer die Antwort kennt, muss um Europas Seele nicht fürchten.

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