Kultur : Seelenschmuggler

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SCHREIBWAREN

Steffen Richter verkostet

die mediterrane Frühjahrslese

Lassen wir uns ruhig Zeit beim Kofferpacken! Bevor der Betrieb zur Buchmesse nach Leipzig fährt, darf die Hispano-, Franko- und Italophilie sich in den nächsten Tagen noch einmal mal richtig austoben. Das beginnt mit José Manuel Prieto . Geboren ist er in Havanna, studiert hat er wie etliche seiner kubanischen Landsleute in der Sowjetunion. Dort begann er, Autoren wie Majakowski, Achmatowa und Brodsky ins Spanische zu übertragen. Seit 1995 lebt er in Mexiko. Nun erscheint mit „Liwadija“ (Suhrkamp) erstmals ein Buch Prietos auf Deutsch. Darin geht es um einen kubanischen Schmuggler, der an der Peripherie des implodierenden Sowjetimperiums seinen Geschäften nachgeht. Mit dem letzten Auftrag könnte er sein Meisterstück abliefern: Aus einem Istanbuler Nachtclub soll er eine russische Frau samt ihrer Seele heim nach Russland schmuggeln. Am Hafen von Odessa aber entfleucht das unbegreifliche Geschöpf. Ihre Briefe veranlassen unseren Autor, tief im Schatzkästchen der internationalen Epistelliteratur zu kramen. Heute liest Prieto im Instituto Cervantes (Rosenstraße 18-19, 19.30 Uhr).

Am 24.3. setzt es dann einen französisch-italienischen Doppelschlag. Zunächst ist Gilles Rozier , Schriftsteller und Direktor des Hauses für jiddische Kultur in Paris, am Institut Français zu Gast (Kurfürstendamm 211, 19 Uhr). Sein Roman „Eine Liebe ohne Widerstand“ (Dumont) dürfte in diesem Frühjahr noch Furore machen. Sein Protagonist ist Deutschlehrer in der französischen Provinz in den „années noires“ zwischen 1940 und 1944. Ein bisschen kollaboriert er, dann aber verliebt er sich in einen polnischen Juden. Zwei Jahre versteckt er ihn im Haus der Eltern. Und während sich seine Schwester mehrmals täglich einem SS-Mann hingibt, lernt er die jiddische Sprache. Nach der Befreiung sei das nicht leicht zu erklären gewesen, „der SS-Mann im Obergeschoss und der Jude im Keller“. Rozier leuchtet die Grauzonen zwischen Kollaboration und Widerstand aus.

Nur eine Stunde später liest dann Vincenzo Consolo am selben Tag (24.3.) im Literaturhaus (20 Uhr). Consolo, legitimer Nachfahr der großen Sizilianer von Verga bis Tomasi di Lampedusa, ist seit dem Tod seines Freundes Leonardo Sciascia die wichtigste Stimme des vernachlässigten Mezzogiorno. „Bei Nacht, von Haus zu Haus“ (Folio) versetzt uns in die malerische Kleinstadt Cefalù zu Beginn der zwanziger Jahre. Unheilvoll zieht der Faschismus am Horizont herauf. Mussolinis neue Mythen vermischen sich mit alten sizilianischen. Überall blüht der Wahn, einer heult den Mond an. „Das Brot war schwer zu verdienen, das Essen vergiftet, der Frieden zäh, die Vernunft in einen tiefen Schlaf gefallen.“ Eine Parabel auf die Gegenwart sei dieser Roman, war zu lesen. Wohl wahr. Aber keine auf Berlusconi. Consolos Text hat seit der Originalveröffentlichung 1992 elf Jahre lang auf Eis gelegen. Nun meisterte die Übersetzerin Maria E. Brunner die Herausforderung: Sie übertrug das Geflecht der Dialekte, die vielen literarischen Anspielungen und den lyrischen Ton.

Man wird sich an diesem Abend wohl entscheiden müssen: Zwischen französischer und italienischer Oberliga. Das dürfte vielen nicht leicht fallen. Aber immer noch leichter, als die Wahl zwischen den weit mehr als Tausend Lesungen der Leipziger Messe.

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