Kultur : Seelenverkäufer

„Und morgen stehe ich auf“ im Maxim Gorki Theater

Christine Wahl

Herrn Reve trifft es am härtesten: „Um halb sechs aufstehen, dann joggen und Basics, um halb acht im Büro oder Flieger“ und „andauernd zu müde zum Ficken“. Was Wunder, dass der ausgebrannte Arbeitnehmer (Norman Schenk) im Laufe des Abends gewaltig abbaut. Kam ihm zu Beginn die Selbsterbauungskampagne „Ich bin auch morgens ein Gewinner“ noch orthografisch sauber über die Lippen, verzweifelt er gegen Ende eher nonverbal an seinen wirkungslosen Gesichtspflegeprodukten. Seine Bühnenkollegin Minze (Mariel Jana Supka) hat es einfacher. Sie scheint sich wenigstens noch jeden fünften Satz, den sie sich einredet, selbst zu glauben: „Da ist diese Kleinhoffnung, da ist ab und zu eine Nachricht für mich, wo ich mich rückmelden kann, ich muss an dieser Idee, an dieser Verkaufsidee von mir weiterarbeiten.“

Gesine Danckwart, die seit ihrem Erfolgsstück „Täglich Brot“ zu Recht als Expertin für erwerbsbedingte Deformationen gilt, entwickelt auch in ihrem neuen Arbeitsmarktdrama „Und morgen stehe ich auf“ keine fein ziselierten Charaktere. Frei nach dem Motto „Bitte hinterlassen Sie keine Nachrichten auf meiner Mailbox, ich rufe Sie schon vorher zurück“, hat ihr Personal noch die irrigsten äußeren Anforderungen längst – wie im wahren Leben – vorauseilend verinnerlicht. Insofern ist hier jedes redende Ich gleichzeitig eine Art gesellschaftliches Sprachrohr und jedes Statement eine kraftzehrende, garantiert pointensichere Selbstermahnung: „Ich sollte auch mal in die Zukunft vorsorgen, wer nicht einen Schritt immer früher, der ist irgendwann rettungslos zu spät.“

Diese Sprachkunstwerke brauchen einen gewissen Raum. Und den bekommen sie bei der Uraufführung im Studio des Berliner Maxim Gorki Theaters nur fünfzigprozentig, was umso bemerkenswerter ist, als die Autorin selbst ihr Auftragswerk inszeniert hat. Neben dem Ausgebrannten und der Kleinhoffnung beschert uns Danckwart zwei weitere Figuren, den Praktikantenfrischling Niemann (Ole Lagerpusch) sowie den tröstlich in sich selbst ruhenden Kollegen Dröge (großartig: Stephan Lohse). Gern sind alle vier Schauspieler gleichzeitig auf der kleinen, puristischen Bühne (Halina Kratochwil) und reden als postmoderne Einzelkämpfer nebeneinanderher beziehungsweise übereinander hinweg, so dass die Pointen buchstäblich versacken. Das Verrückte an diesem Abend: Kaum gedacht, beginnen die Akteure tatsächlich mit dem Text zu spielen, ihn gegen den Strich zu bürsten und als TVShow-Imitate durch Mikros zu sprechen. In diesen Passagen immerhin ist die Aufführung – auf Augenhöhe mit dem Text – gnadenlos gut.

wieder am 18., 28. und 30. März, 20 Uhr

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