Kultur : Seelenwanderung

Unterwegs zu den Wurzeln des Soul: Joy Denalane hat ihr neues Album in Philadelphia aufgenommen

Sarah Hofmann

Die Zeilen sprechen Bände: „Die Stimme geht hoch / Texte gehen flach / Wer oben schwimmen will, meidet Tiefgang.“ So selbstbewusst und bissig sang Joy Denalane noch auf ihrem Solodebüt „Mamani“ gegen den Mainstream an. Vier Jahre später lässt ihr neues Album „Born and Raised“ befürchten, die Berliner Sängerin untergrabe die Erkenntnis ihrer eigenen Songs. Hatte das Frühwerk nicht nur durch Denalanes kraftvoll rauchige Stimme bestochen, sondern auch durch politisch ambitionierte Texte, werden nun die Erwartungen auf mehr von diesem intelligenten Soul enttäuscht. Auf der Platte dominiert softer R’n’B amerikanischer Bauart, seicht säuselt Denalane nun ihre Duette mit Rappern wie Raekwon vom Wu-Tang Clan oder Jay-Zs neuem Protegé Lupe Fiasco.

Der Aufstieg in die amerikanische Hip-Hop-Liga hatte bereits letztes Jahr begonnen, als Denalane einen Beitrag zu einem von Kanye West produzierten Remix des Hits „Go“ vom Chicagoer Rapper Common lieferte. Aufgenommen wurde „Born & Raised“ in einem Studio in Philadelphia mit amerikanischen Ostküstenmusikern wie dem gefeierten Trompeter Matt Cappy, Posaunist Jeff „Bone Deep“ Bradshaw und dem Gitarristen Chris Scholar, der zum Umfeld von Stevie Wonder gehört. Produzent war – wie schon beim ersten Album – Denalanes Ehemann Max Herre, der ihre Songs komponiert und mittextet. Mit ihm, damals Frontmann von Freundeskreis, inzwischen Solokünstler, hatte Denalane 1999 den Durchbruch geschafft, als sie das Duett „Mit Dir“ sangen. Die Liebeserklärung des Songs wurde bald Realität und im folgenden Jahr wurden die beiden Musiker Eltern. Inzwischen haben sie zwei Kinder, mit der Veröffentlichung ihrer Alben wechseln sie sich ab und führen gleichzeitig das Label „Nesola“.

Mit „Born & Raised“ will Denalane, inzwischen 33, zu den Wurzeln des Soul zurück, konsequenterweise benutzt sie dafür Englisch als einziges Idiom. Die Tochter einer deutschen Mutter und eines südafrikanischen Vaters hatte auf „Mamani“ noch in fünf Sprachen gesungen, neben Deutsch und Englisch auch in Pedi, einer von neun südafrikanischen Bantu-Sprachen. Eindringlich sang sie über Rassismus und sexistische Vorurteile, über Beziehungskräche und die Liebe ihres Lebens. Denalane eckte an, zeigte sich verletzlich. Die Geschichten, die sie erzählte, klangen unprätentiös und echt.

Persönlich und zugleich politisch bleibt Joy Denalane auch auf der neuen Platte. In „Change“ attackiert sie US-Präsident Bush und andere Glaubenskrieger: „There’s war all around the world in the name of democracy, but we know the truth.“ Der Titelsong „Born & Raised“ ist eine Miniatur-Autobiografie in Liedform, in der sie erzählt, wie sie in Berlin aufwuchs, von ihren älteren Brüdern zunächst wie eine Prinzessin behandelt wurde und dann doch lernen musste, sich durchzusetzen. Den Song widmet sie ihrer Mutter: „Look mama, it’ s all right even though we had some struggles.“ Eine Versöhnung und eine Solidaritätsbekundung. Die Unterdrückung von Frauen bleibt ein Thema für Denalane.

Wenn die Texte so auch nicht an sozialem Engagement einbüßen, fehlt ihnen doch der Hauch von Genie, der über „Mamani“ lag. Vor allem ist es aber der Beat, dem es an Authentizität und Seele mangelt. Zu bekannt wirken viele der Rhythmen und Melodien, die Herre und Denalane verwurstet haben. Mal hört man Anleihen vom Soul der sechziger Jahre, mal – auf der Single „Let Go“ – erscheint Denalane wie eine Eins-zu-Eins-Kopie von Mary J. Blige. Zeitweise ist ihre markante Stimme unter lauter Synthesizern kaum mehr wiederzuerkennen.

Püppchenhaft mag Denalane zwar auf dem Cover posieren, auf der Bühne steht dann doch sie selbst, eine starke Frau. Live wird Denalane nicht anders können, als wie früher ihre „Stimme erheben“ um aufzustehen „aus dem Totenreich der verkauften Seelen“, wie sie früher im Refrain von „Höchste Zeit“ sang. „Lift your voice“, heißt es jetzt in „Change“.

„Born & Raised“ erscheint heute bei Four Music/SonyBMG.

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