Kultur : Seelenwracks

Schwabs „Präsidentinnen“ im Deutschen Theater

Andreas Schäfer

Dass es an diesem vergnüglichen Abend zünftig zugehen wird, zeigt schon das realistische Bühnenbild. Petra Korink hat einen echten Sechzigerjahre-Neubau mit schauriger Kachelfassade in die winzige Box + Bar des Deutschen Theaters gekeilt. Aus dem Fernseher im Hochparterre predigt ein österreichischer Fernsehpfarrer Mitgefühl, während am Anfang hinter der Gardine nur die Schatten von Erna, Mariedl und Grete zu sehen sind, den „Präsidentinnen“ aus Werner Schwabs gleichnamigem Stück, die in Wahrheit schimpfende Putzfrauen sind.

Werner Schwab? Anfang der Neunziger bevölkerten seine Kleinstbürger und ihre körperplastische Kunstsprache mit dem Hang zum Geschlechtlichen allerorten die Bühnen. Danach hatte man sie so lange in keinem Berliner Theater gesehen, dass man sie für tot halten konnte. Aber sie sind es nicht. Nur ein bisschen untot, wie man in der Spaß-Inszenierung von Ernst Stötzner sieht, in der Nina Hoss, Regine Zimmermann und Michael Goldberg grell geschminkte, hysterisch kreischende Schwab-Zombies geben. Erst werfen sie sich gegenseitig ihr verpfuschtes Leben an den Kopf, dann fantasieren sie sich in ein Fest hinein, bei denen ihnen die Männer zu Füßen liegen, das heißt, ihnen Finger in den Hintern schieben oder Parfümflaschen in Klos verstecken.

Nina Hoss als laszive Grete, die früher ungerührt dabei zu sah, wie ihr Mann die Tochter missbrauchte, trägt zu Birkenstock und Kittel das Haar zu einem Wischmopp gezutzelt, glotzt entweder stier oder mannstoll aus ihren kajalverschmierten Augen und kostet mit gebleckten Zähnen jede Facette ihrer seelischen Abgewracktheit aus. Michael Goldberg treibt die Dauerempörung seiner Erna über die „Verkehrunwilligkeit“ des versoffenen Sohnes bis in die apodiktisch abgehackte Sprechweise von Nazis hinauf. Die schwächste der Drei ist das naive Mariedl, das von den Herrschaften geschätzt wird, weil sie „es ohne“ macht, also ohne Gummihandschuhe in die verstopfte Kloschüssel langt.

Regine Zimmermann trägt große Brille, schwärmt mit kindlichem Blick von der Göttlichkeit der „menschlichen Jauche“, um im nächsten Moment ihren Arm bis zum Achselhaartoupet in den Kloeimer zu stoßen. Das Mariedl steht bei Schwab für die Wahrheit. Und in einem furiosen Schlussmonolog würgt Regine Zimmermann die Mordgelüste der abwesenden Kinder hervor – wofür ihr von den anderen die Kehle durchgeschnitten wird. Ernst Stötzner, der Regisseur dieser amüsanten Hemmungslosigkeit, entpuppt sich immer mehr als pointensicherer Geburtshelfer der inneren Rampensau. Andreas Schäfer

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