Kultur : Seesöldner

Daniel Heller-Roazen untersucht den Piraten

André Weikard

Piraten fahren längst nicht mehr nur zur See. Heute surfen sie auch im Internet oder kapern Flugzeuge. Manchmal sind sie auch Mitglieder einer Partei von Pseudo-Datenschützern, die ungestört das geistige Eigentum anderer plündern wollen. Aber auch der klassische Seeräuber feiert mit der Globalisierung ein Comeback. Zählte die Internationale Seeschifffahrts-Organisation der Vereinten Nationen 1984 gerade mal 50 Fälle von Piraterie, waren es 1997 bereits 250 und im Jahr 2000 schon über 450.

Daniel Heller-Roazen, der Vergleichende Literaturwissenschaft in Princeton lehrt, erklärt den Piraten zur „zeitgenössischen Figur“ und begibt sich auf Spurensuche. Da beschreibt Cicero den Piraten als „Feind aller“, mit dem nicht verhandelt wird, kein Frieden geschlossen und demgegenüber keine Abmachung bindend ist. Diese Auffassung vom juristischen Sonderstatus des Piraten erhält sich bis in die Gegenwart. Im 16. Jahrhundert erklärt der Rechtsgelehrte Aberico Gentilis, der Pirat habe den „Bund des Menschengeschlechts gebrochen“. Gewalt dürfe nur anwenden, wer sich an keine höhere Gerichtsbarkeit wenden könne, Fürsten etwa. Die vergaben dann auch seit dem 13. Jahrhundert Kaperbriefe und machten das vogelfreie Seefahrervolk zu Söldnern der Meere. Wurden die Freibeuter bei Friedensschluss arbeitslos, widmeten sie sich der Piraterie, nur um sich beim nächsten Krieg begnadigen zu lassen und ihr Geschäft wieder legal zu verfolgen. Erst die Pariser Deklaration von 1856 macht der Kaperei ein Ende.

Kaum ist die staatliche Räuberei auf internationalen Beschluss gebändigt, kommen neue Piraterievorwürfe auf, diesmal gegen die deutschen U-Boote. Ein Feind, der seine Flagge vor Gefechtsbeginn nicht hisst und der nach der Versenkung keine Seeleute an Bord nimmt, verstößt gegen die Konventionen der damaligen Seekriegsführung. Die Torpedierung des Passagierdampfers Lousitania durch ein deutsches U-Boot 1915 führt letztlich zum Kriegseintritt der USA.

Der Pirat ist die Parallelfigur zum heutigen Terroristen. Auch von ihm wird erklärt, dass er ein „Feind aller“ und damit seiner Rechte beraubt sei. Er wird auf Guantanamo interniert und gefoltert. Heller-Roazens gut lesbare Geschichte der Piraterie, die vor allem die Bestimmung einer besonderen juristischen Konstruktion ist, verweist immer wieder in die Gegenwart. Der Pirat ist nicht bloß der Fluch der Karibik, sondern der Erzfeind aller Regierungen, Gewässer und Zeitalter. Mit einer klaren Gedankenführung macht Heller-Roazen transparent, wie die Juristen politischen Interessen folgen, um besondere Kompetenzen bei der Bekämpfung eines irregulären Feindes zu rechtfertigen. Was kann man daraus lernen? Vielleicht wenigstens das: Der Grundsatz „Recht ist, was dem Staate nützt“, war früher schon so falsch wie heute.André Weikard

Daniel Heller-Roazen: Der Feind aller. Der Pirat und das Recht. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2010. 348 S., 22,95 €.

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