SEHEN : Berliner Weiße mit Schuss

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Mangelnden Anspruch kann man dem Theater an der Parkaue nicht nachsagen. Walter Benjamin für Grundschüler, dramatische Chaostheorie für Erstklässler: Die Lichtenberger Kinder- und Jugendbühne traut ihren Zuschauern im Zweifelsfall lieber ein bisschen mehr zu als zu wenig. Und der Erfolg gibt ihr recht: Ein erfreuliches Zeichen in Zeiten, in denen Komplexitätsreduktion nicht nur in der Kunst auf dem Vormarsch ist.

Die jüngste Parkauen-Uraufführung – ein Abend für Teenager ab sechzehn – entstand nun in Kooperation mit dem Institut für Neuere Deutsche Literatur der Berliner Humboldt-Uni. Der Dramatiker Lothar Trolle – im allerbesten Sinne einer der speziellsten seiner Zunft – hat ein „Berliner Märchen“ mit dem Titel Sie leben! Sie leben! Sie leben noch immer! geschrieben (heute, 19 Uhr). Denn der 1944 im Harz geborene und seit langem in Berlin-Pankow lebende Autor schaut genau dorthin, wo der zusehends präsente Trendstreber in süffisanter Ahnungslosigkeit vorbeirauscht und demnächst vielleicht alles zu Tode gentrifiziert haben wird: Trolles Geschichten spielen an der wenig coolnessverdächtigen Drehtür im Ringcenter an der Frankfurter Allee oder setzen die Chöre der „Schnaps-, Bier-, Kaffee-, Berliner Weiße mit Schuss- oder Rixdorfer Fassbrausetrinker“ ins ihnen gebührende Licht.

Kurzum: „Sie leben! Sie leben! Sie leben noch immer!“ ist ein ins Mythische, Übernatürliche sich entgrenzendes Berlin-Kaleidoskop: Der Drogist auf der Prenzlauer Allee, der sich in eine Minderjährige verliebt und darüber den Verstand verliert, hat darin genauso Platz wie die tanzwütige Mutter aus der Eylauerstraße, deren Kinder sich – Franz Kafkas zum Käfer mutierter Gregor Samsa lässt grüßen – eines Tages in Ratten verwandeln.

Inszeniert hat der Regisseur Sascha Bunge, den mit Lothar Trolle bereits eine langjährige Arbeitsbeziehung verbindet.

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