SEHEN : Die Jungs vom Prenzlauer Berg

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Die Kiez-Soap ist en vogue. Orte wie das Prime-Time-Theater, die das Geschehen vor der eigenen – in diesem Fall Weddinger – Bühnentür zu lustigen Sitcoms verarbeiten, feiern zu Recht Zuschauererfolge. Mit Christian Weise hat nun auch das Ballhaus Ost seinen inszenatorischen Stadtbezirksspezialisten. Bereits 2011 vergegenwärtigte der Regisseur gemeinsam mit der Autorin Daniela Dröscher Flauberts Roman „Madame Bovary“ für eine zeitgeistige Prenzlauer-Berg-Klientel: Emma Bovary – gespielt von der tollen Inga Busch – wurde von ökologisch korrekten Hochschwangeren traktiert und empfing permanent Riesenpakete, die sie auf irgendwelchen Shoppingseiten geordert hatte.

Nun möchte Weise seine „Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit im Prenzlauer Berg“ fortsetzen, wie die Ballhaus-Crew vermeldet. Die Latte hängt erneut hoch, wenn auch auf andere Art als bei Flaubert. Denn diesmal hat sich Weise zwar keinen Klassiker der Weltliteratur, wohl aber einen der wichtigsten Defa-Filme als Folie genommen: Gerhard Kleins „Berlin – Ecke Schönhauser“ aus dem Jahr 1957, zu dem Wolfgang Kohlhaase das Drehbuch schrieb. Die Jugendlichen, die sich dort regelmäßig unter dem U-Bahn-Bogen versammeln, schlagen sich nicht nur mit allgemeinen Pubertätsproblemen herum, sondern mit ganz konkreten politischen Konflikten: Karl Heinz’ Eltern wollen eigentlich in den Westen ausreisen, Dieter lehnt es ab, in die ostdeutsche Jugendorganisation FDJ einzutreten.

Christian Weise adaptiert nun erklärtermaßen „den Berlinfilm-Klassiker als urbanes Kasperletheater“ (heute, 20 Uhr) und lässt außerdem Erinnerungen der Berliner Schauspielerin Ursula Werner einfließen, die im Prenzlauer Berg aufgewachsen ist. Als der Film gedreht wurde, war sie 14 Jahre alt.

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