SEHEN : Digitaler Kerzenschein

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Der Theaterdiscounter reagiert auf das nahende Fest der Liebe mit einer klaren Ansage: „Liebe im Discounter“ nennt sich die programmatische Reihe, mit der der Mitte-Spielort sein Adventsprogramm bestreitet. Großzügig verschleudert werden dabei insbesondere Partnerschaftsmodelle, die sich „von ihren analogen Fesseln befreit“ haben und selbstbewusst „in die Absurdität des digitalen Kerzenscheins“ eingetreten sind. Über den kompletten Dezember verteilt bekommen in dieser Hinsicht selbstoptimierungswillige Zuschauer drei verschiedene Masterpläne präsentiert.

Unter dem Motto Save your Love – Part I (4.–6.12., 20 Uhr) ergibt sich zunächst die Gelegenheit, der „Live-Dekonstruktion einer Paarbeziehung“ beizuwohnen. Das betreffende Duo hat bereits im Vorfeld alle nötigen Voraussetzungen geschaffen: Man bewohnt gemeinsam 35 Quadratmeter, teilt Schlafzimmer, Küche, WC und Kleiderschrank quasi in einem und läuft infolge des Platzmangels unweigerlich Gefahr, „selbst zu standardisierten Wohnattrappen zu werden“.

Lektion Nummer zwei: Otso Huopaniemis Performance love.abz (12.–14.12., 20 Uhr). Der finnische Autor und Regisseur hat drei Jahre lang sein Bühnenstück „An ABZ of Love“ via „Google Translate“ übersetzen lassen – quasi in Endloskette vom Finnischen ins Englische, zurück ins Finnische, erneut ins Englische usw. Nachdem Huopaniemi mit dem Ergebnis bereits in Helsinki und New York erfolgreich war, stehen nun in der Berlin-Premiere drei Performer auf der Bühne, die die Endlosüberschreibung um eine Schraubendrehung erweitern, indem sie diese – als Nichtmuttersprachler – live auf der Bühne mithilfe von Übersetzungs- und Spracherkennungsprogrammen ins Deutsche übertragen. „Zwischen den Sprachen und zwischen Mensch und Maschine verliert sich der intendierte Sinn“, verspricht der Finne: Beste Voraussetzungen also für eine lebenslange harmonische Partnerschaft!

Als letzten Programmpunkt erwartet das Publikum kurz vor Weihnachten unter dem Motto Neue Liebe schließlich „ein analoger Aufriss digitaler Romantik“ (19.–22. 12., 20 Uhr). Das Performance-Label „internil“ hat sich in Online-Partnerbörsen, „Aufreiß-Ratgebern“ und im „großen Liebeskummer-Pop-Kino auf Youtube“ umgesehen und droht nun an, das digitale Material live im Zuschauerraum in analoge Sphären rückzuüberführen. Mit anderen Worten: Der Performer Arne Vogelsang schreitet zum „Date mit dem Publikum“. Das aber weiß ja zum Glück noch aus dem Grundkurs der Adventsreihe, wie man Beziehungen in Nullkommanix „von ihren analogen Fesseln befreit“ und „in die Absurdität des digitalen Kerzenscheins“ entsorgt!

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