SEHEN : Geborgenheit üben

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Werfe dem Theater noch einer vor, den Anschluss an den Zeitgeist verloren zu haben! Tagesaktueller als der Theaterdiscounter kann man in diesen prä-adventlichen Novemberwochen schließlich kaum sein: Geborgenheit üben reloaded heißt der imperativische Untertitel von Malte Schlössers Performance, die auch ansonsten vorweihnachtlich-altruistisches Gedankengut verheißt: „Mit galanter Theorie-Piraterie und dem Neu-Einüben von Gefühlen“, verspricht die Presseabteilung der freien Spielstätte in der Klosterstraße 44 in Mitte, „entgegnen Schlössers Performer der Durchökonomisierung unserer Leben“.

Unter dem denkwürdigen Motto Kann ich Deinen Diskurs mal in den Mund nehmen? (am morgigen Mittwoch sowie am 23./24. November, 20 Uhr) robbt der Regisseur sich dabei in erster Linie an eine Frage rund um den dramatischen Authentizitätswahn heran, die in ähnlicher Weise auch René Pollesch schon mehrfach gestellt hat. Zum Beispiel in seinem tollen jüngsten Abend an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: Glanz und Elend der Kurtisanen mit Birgit Minichmayr und Martin Wuttke (wieder am morgigen Mittwoch und am 27. November, 19.30 Uhr). Schlössers Frage lautet: „Warum lieben wir moralisch immer die Ehrlichkeit, aber ästhetisch die Lüge, die gespielten Verabredungen? Wie wäre es mal umgekehrt!“ Sicher ein lohnendes Experiment. Wobei: Mit dem moralischen Fake können wir möglicherweise ganz gut leben im Theater. Aber ob wir – im Umkehrschluss – tatsächlich auch die „ästhetische Ehrlichkeit“ sehen wollen, die sofort fatal an düstere Räume, fahle Gesichter und graumäusige Kostüme denken lässt – das entscheiden wir lieber erst, nachdem wir Schlössers Vorreiter-Performance in Augenschein genommen haben.

Das Motto „Geborgenheit üben reloaded“ hingegen akzeptieren wir auch weiterhin ungesehen als universell anschlussfähig. Auf jeden Fall wäre es die ideale paartherapeutische Maßnahme für Anne Holz, deren frisch gegründete Politik- und Unternehmensberatung den (ebenfalls sehr vorweihnachtsadäquaten) Namen „Private Aid“ trägt, und ihren Mann Holger – seines Zeichens gelernter Koch und zurzeit arbeitslos.

Beide Figuren entstammen Felicia Zellers Stück X-Freunde, das aus der Kritiker-Umfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ als Drama des Jahres 2013 hervorging, und sind jetzt wieder im Theater unterm Dach in der Danziger Straße 101 zu erleben (Donnerstag und Freitag, 20 Uhr). In eindrücklichen Sprachkaskaden führt Zeller ihre Klientel aus der „Generation Beißschiene“ beim anstrengenden Alltagsjob der Selbstverwirklichung vor: Anne arbeitet als Firmengründerin rund um die Uhr sehr effektiv an ihrer Selbstausbeutung. Holger hält sein Hausmannsdasein nicht mehr aus. Und ihr gemeinsamer Bildhauer-Freund Peter Pilz kommt mit seiner Figurenserie „X-Freunde“ nicht zurande. Die Inszenierung im kleinen Prenzlauer-Berg-Theater wurde nicht nur von der Autorin, Felicia Zeller, selbst ausdrücklich gelobt, sondern ist auch für den diesjährigen Friedrich-Luft-Preis nominiert. Sage noch einer, mit vorweihnachtlichen Imperativen à la „Geborgenheit üben“ ließe sich kein Blumentopf gewinnen!

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