SEHEN : Mackie Messer schlägt Faust

von

Jedes Jahr listet der deutsche Bühnenverein minutiös auf, welche Stücke wie oft inszeniert und von wie vielen Zuschauern gesehen wurden. An der Spitze tut sich da seit Jahren relativ wenig: Dramatische Gassenhauer wie Goethes „Faust“, Shakespeares „Hamlet“ oder Brechts „Dreigroschenoper“ dominieren die Hochkultur.

Aber wie steht es eigentlich um deren Alltagstauglichkeit? Klar: Bonmots à la „Das ewig Weibliche zieht uns hinan“ oder Hamlets Stoßseufzer „Schwachheit, dein Name ist Weib“ haben es längst an den Stammtisch geschafft. Und wie oft Mackie Messers rhetorische Frage „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank“ in Finanzkrisen-Zeiten reanimiert wird, möchte man gar nicht zählen. Diese Form von in Sprüchen geronnener Lebensnähe ist aber nicht gemeint. Es geht um echte, gelebte Dramenintegration in die Durchschnittsexistenz.

Und hier scheint tatsächlich der von professionellen Theatergängern gern auf den Lehrstückschreiber reduzierte Brecht den Vogel abzuschießen. Als ich neulich im Taxi zum Bahnhof saß – ich wollte nach Dresden ins Theater –, plätscherte der Dialog zwischen dem Fahrer, einem 60-jährigen Ur-Berliner aus Lichtenberg, der sich als Günther vorstellte, und mir eher träge dahin: Ein Gespräch über Baustellen und Umfahrungsstrategien taugt ja bei der hiesigen Allgegenwart aufgerissener Straßen nur noch bedingt zum Aufreger. Als mich Günther eher aus Smalltalk-Verlegenheit nach dem Stück fragte, das ich mir anschauen wolle, und ich auch höflich-gelangweilt „Die Dreigroschenoper“ antwortete, verlor er blitzartig die Gewalt übers Steuer: Er bremste so scharf, dass ich mit Gepäck nach vorn flog. Dann drehte er sich um und schmetterte mit leuchtenden Augen den Refrain der „Zuhälterballade“: „Das war so schön in diesem halben Jahr / In dem Bordell, wo unser Haushalt war.“ Was soll ich sagen? Mein Theaterbesuch bescherte mir neben einem detaillierten Fachgespräch über Aufführungstraditionen handfeste ökonomische Vorteile: Der Brecht-Fan am Steuer war derart begeistert, dass er mir den Fahrpreis erließ. Ich wage zu bezweifeln, dass das mit Goethe gelungen wäre.

Drei Tage später: Sonntags-Karaoke im Mauerpark. Ein hipper Zugezogener aus Köln tremoliert „Non, je ne regrette rien“, dann: Auftritt Helmut. Der geschätzte Endfünfziger, ebenfalls Ur-Berliner mit Goldkettchen und dezent angedeutetem Vokuhila, greift zum Mikro und schmettert, vollständig auswendig und a-cappella, aus voller Kehle: „Und der Haifisch, der hat Zähne“. Der Edelkriminelle Mackie Messer liegt uns alltagsidentifikatorisch eben doch sichtlich näher als der große Streber Faust.

0 Kommentare

Neuester Kommentar