SEHEN : Post für Julia Capulet

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Der Balkon in Verona, an dem sich Romeo zu seiner Geliebten Julia emporhangelt, gehört zu den prominentesten Lokalitäten der Dramengeschichte. Und die italienische Stadt weiß diesen Mythos hervorragend zu vermarkten: Gegen die Alltagschoreografie der Hundertschaften, die sich täglich durch das romantische Haus mitsamt Balkon schieben, das die Veroneser zum „mutmaßlichen Haus der Julia“ erklärt haben, können Bühneninszenierungen der Shakespeare-Tragödie einpacken.

Nachdem sich die Liebesmythen-Touristen unterwegs in der „Enoteca Giulietta & Romeo“ ihre Realbeziehung schon mal mit einem ordentlichen Schluck Wein schöntrinken konnten, gibt’s anschließend, direkt gegenüber vom Balkon, in der als „Club di Giulietta“ getarnten Souvenirbude en masse herzförmige Schlüsselanhänger, Magneten und natürlich die unvermeidlichen Liebesschlösser zu kaufen – mitsamt Metallgitter zum unverzüglichen Anbringen; der freie Platz ist bereits rar. Alfredo Meocci, Kulturreferent i. R., offenbart in einer zum Thema herausgegebenen Publikation gar entsprechend schwülstig: „Tausende von Menschen aus aller Welt schreiben immer noch an Julia – Inbegriff der Liebe, die alle Prüfungen besteht – und holen sich Rat für ihre großen und kleinen Liebesprobleme.“

Tatsächlich: „Liebe Julia“, wendet sich etwa eine 20-jährige Verkäuferin – ungeachtet der Tatsache, dass die Adressatin ja mittlerweile nicht nur über 400 Jahre auf dem Dramen-Buckel hat, sondern zusätzlich auch einen dramatischen Liebestod gestorben ist – an die Shakespeare’sche Teenie-Figur: „Vor einigen Tagen habe ich im Fernsehen gehört, dass man ein Mädchen sucht, das auf die Tausende von Briefen antworten soll, die … bei Dir eingehen. Ich wünsche mir sehr, eines Tages in meinem Briefkasten einen Brief mit dem Absender Julia Capulet zu finden. Es wäre wunderschön, Dich als Freundin zu haben.“ Das Kulturamt der Stadt Verona, das mehrere solcher Ergüsse veröffentlicht hat und sogar internationale Wettbewerbe um „die besten Briefe an Julia“ auslobt, scheint dank liebestrunkener Teens und Twens also wirklich hinreichend zu tun zu haben. Zumindest in den Gassen von Verona hat Shakespeares tragisches Liebespaar Popstar- Status: Ein Schicksal, das bekanntermaßen nicht allzu vielen Dramenhelden widerfährt.

Man schaue sich nur mal vor der eigenen Haustür, im Großraum Berlin, um! Gerhart Hauptmanns sicher nicht minder identifikationstaugliches Dreiecksdrama „Einsame Menschen“ beispielsweise, in dem der soeben Vater gewordene Geisteswissenschaftler Johannes Vockerat Gattin und Kind zugunsten einer lebensfrischen Studentin vernachlässigt, spielt in einem Landhaus am Müggelsee. Und? Drängte sich die Region zuletzt etwa durch Pilgerzüge verzweifelter Ehefrauen und -männer bzw. forscher akademischer Nachwuchskräfte ins öffentliche Bewusstsein? Nein! Es war weder die Nachtigall noch die Lerche (oder der Philosoph), sondern die gänzlich prosaische Bürgerinitiative der ortsansässigen Flugroutengegner, die der dramatischen Region (Medien-)Popularität bescherte!

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