SEHEN : So ungeschönt, so zärtlich

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Same procedure as every year: Am Silvesterabend packen die Bühnen ihre partytauglichsten Produktionen aus. Das Deutsche Theater schickt sein Publikum mit Stefan Puchers Popversion der „Elektra“ (19 Uhr) ins neue Jahr. An der Volksbühne sorgt Herbert Fritsch mit seiner lustigen Mechaniker-Operetten-Zurichtung „Frau Luna“ für Feierlaune (18 Uhr). Und die Schaubühne bietet mit „Viel Lärm um nichts“ (18 Uhr) eine Kostümchen-wechsel-dich-Sause auf, die wir im Tagesspiegel schon bei der Premiere als verfrühtes Silvesterknallbonbon erkannten.

Repräsentativ sind diese Feierlichkeiten freilich nicht. Für das Theater war 2013 ja ein trauriges Jahr: Otto Sander, Henning Rischbieter – die Bühnenkunst hat einige ihrer größten Protagonisten und Köpfe verloren. Im April starb Ausnahme-Schauspieler Sven Lehmann: Sein subversiver Witz fehlt so sehr wie seine Unbedingtheit. Die Weigerung, sich mit Halbgarem zufrieden zu geben und Kunstgewerbe schon für Kunst zu halten, ist schließlich extrem selten geworden! Viel würde man darum geben, Sven Lehmann noch einmal als Mephisto im verwaschenen Schlabberpullover zu erleben, der alles vom Leben weiß und dem hibbeligen, schwer zur Selbstüberschätzung neigenden Faust zärtlich den Kopf auf die Schulter legt. Solche zugleich abgrundtiefen und unglaublich menschlichen, tiefendimensional versöhnlichen Momente, in denen mindestens zwanzig Lebensweisheiten und Welterkenntnisse auf einmal stecken, sind sehr viel seltener geworden seit Lehmanns Tod.

Im Oktober ist Regisseur Dimiter Gotscheff gestorben, auch einer dieser Unbedingten, Kompromisslosen, die gar nicht anders konnten als im Theater das ideale Mittel zur permanenten Selbsterforschung zu sehen – natürlich immer auch mit der Möglichkeit des Scheiterns, weil es eben eine wirkliche Suche war und keine mit effekthascherischen Sicherheitsnetzen abgefederte. Einer der größten Theatermomente des Jahres war die Extravorstellung des „Iwanow“ bei dem „Fest für Mitko“, das die Volksbühne zu Ehren des Verstorbenen veranstaltete. Die Inszenierung, seit acht Jahren im Repertoire, bedeutete zwei Stunden höchstdosiertes Theaterglück mit beschleunigter Herzfrequenz und Dauergänsehaut. Inmitten der grassierenden Bühnen-Wellness droht man wohl einfach schnell zu vergessen, dass Theater so groß und (Tschechow-)Figuren so verloren, so tragikomisch, so ungeschönt wie gleichermaßen zärtlich sein können. Die minutenlangen stehenden Ovationen wird keiner, der dabei war, je vergessen.

Und jetzt, 2014? Es wird – in leicht euphemistischer Abwandlung eines Brecht- Zitats – etwas Neues geschehen. Übrigens, dies nur am Rande, nicht nur im Theater, sondern auch an dieser Stelle.

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