SEHEN : Teenies wie Peer Gynt

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Eigentlich dürften die Berliner Theater wirklich keine Zuschauernachwuchs-Probleme haben. Über den Eifer, mit dem sich berufene Bühnen für nachrückende Zuschauergenerationen ins Zeug legen, ist an dieser Stelle ja schon berichtet worden: Farbenlehre für Zweijährige, Schiller für die Kita, Baudrillard für Grundschüler.

Ein dramatisches Bildungsangebot, das jetzt seitens der Schaubude an die Zielgruppe zehn plus ergeht, verdient trotzdem besondere Beachtung. Und zwar nicht nur, weil das charmante Prenzlauer-Berg-Puppentheater mit Henrik Ibsens „Peer Gynt“ keinen Geringeren als den „Faust des Nordens“ zur theatralen Vermittlung auserkoren hat. Sondern auch, weil hier offenbar ein Aspekt des umfänglichen Stationendramas in den Blick kommt, der bisher – möglicherweise nicht ganz zu Unrecht – eher unterbelichtet geblieben war.

Normalerweise stürzen sich Theater, die den Ibsen’schen Fünfakter auf die Bühne bringen, auf den fragwürdigen Berufsweg des Titelhelden und problematisieren nachhaltig die Großmannssucht, mit der es den Goldgräber, Pelzjäger und Altertumsforscher Gynt – reich geworden unter anderem mit „Götterbilderfracht nach China“ – nach dem Kaiser-Titel gelüstet. Gelegentlich kommt es auch vor, dass Peer Gynt wegen seines ausgeprägten Mutterkomplexes – gepaart mit einem durchaus pathologischen Hang zur Lüge – quasi theatral auf die Couch gelegt wird.

Aber auf der Folie von „Peer Gynt“ die „Suche nach der ersten Liebe“ zu thematisieren, wie es Peer Gynt Sweet Teen in seiner Comic-affinen „Aufführung mit 60 Gliederpuppen“ und elektronischer Live-Musik tut (am heutigen Dienstag, 10 Uhr), hat wirklich Seltenheitswert. Womöglich auch deshalb, weil sich diese Suche für Herrn Gynt wesentlich unterhaltsamer gestaltet als für seine Partnerin Solvejg, die ihren Angebeteten in jugendlichen Jahren in die Welt ziehen lassen muss und anschließend so selbstlos wie treuherzig bis ins hohe Greisinnenalter seiner Wiederkehr harrt.

Bleibt zu hoffen, dass uns der kulturaffine Nachwuchs in puncto Genderproblematik nicht enttäuscht: Siebzig Berliner Schülerinnen und Schüler sind selbst am Projekt beteiligt.

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