SEHEN : Tell statt Twitter

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Die Theaterferien sind zu Ende; ab dem Wochenende warten die Berliner Großbühnen mit ihren Saisoneröffnungspremieren auf. Und zumindest die Schaubühne liegt dabei mit ihrer Komödie „Viel Lärm um nichts“ – einer Story um schüchterne Kriegsheimkehrer, Intrigen und unvermeidliche Verkleidungsorgien – absolut auf Linie: Die soeben erschienene Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins für die Spielzeit 2011/2012, die das Gesamtrepertoire von 507 deutschsprachigen Theatern umfasst, sieht William Shakespeare auf der Liste der meistgespielten Autoren unangefochten auf Platz eins. Der Elisabethaner konnte damit seinen Vorjahreserfolg bestätigen, während Silber und Bronze – ebenfalls wie in der vorangegangenen Saison – an die Brüder Grimm und Heinrich von Kleist gehen. So weit, so unspektakulär.

Wendet man sich allerdings von der Liste der meistgespielten Schauspiel-Autoren ab und dafür der Frage zu, welche Stücke denn im Einzelnen am häufigsten gezeigt wurden, könnte kulturkonservativen Kritikern durchaus ein kleiner Schreck in die Glieder fahren. Denn in puncto höchster Aufführungszahlen hat die Bühnenadaption von Daniel Glattauers E-Mail-Romanze „Gut gegen Nordwind“ tatsächlich Goethes guten alten „Faust“ auf den zweiten Platz verwiesen; dicht gefolgt von Shakespeares „Sommernachtstraum“. Ein Erfolg übrigens, an dem auch Berlin nicht ganz unschuldig ist: Hier lief die Beziehungsstory aus den Sphären der elektronischen Kommunikation mit großem Erfolg in der Komödie am Kurfürstendamm.

Müssen wir also damit rechnen, dass sich die altehrwürdige Bildungsbürger-Institution Theater in der neuen Saison grundrevolutioniert? Twitter statt Tell? Die Berliner Spielpläne legen nahe: Nein! Schiller zum Beispiel läuft gleich am Wochenende im Deutschen Theater, wo Stephan Kimmig das Dramenfragment „Demetrius“ mit der Uraufführung von Mario Salazars „Hieron. Vollkommene Welt“ zusammenspannt. Und kurz darauf setzt René Pollesch an der Volksbühne eher auf Balzac denn auf Schwarmintelligenz.

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