SEHEN : Wie alles anfängt

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Dass unser Alltag eine relativ durchinszenierte Angelegenheit ist (und weder der Regisseur noch der Darsteller in jedem Fall eine Hochbegabung), wissen wir längst: Erbauungsrhetorik in der Politbranche, Eitelkeitsslapstick im Büro, Hipster-Posing im Szeneclub begleiten uns vom morgendlichen Aufstehen bis zum nächtlichen Absacker so zuverlässig durchs Dasein wie die tristen Berliner Winter oder der BVG-Pendelverkehr.

Aber wie stark das Theater bei Menschen, die sich dort häufig aufhalten – ob aus professionellen oder Liebhaber-Gründen – tatsächlich ins privateste Privatleben hineinlappt, überrascht dann doch ein wenig: „Gibt es Situationen in Ihrem Leben, die Sie als Performance-nah bezeichnen würden?“, fragten die Berliner Festspiele anlässlich des soeben zu Ende gegangenen 50. Theatertreffens lauter Menschen, die es wissen müssen: Schauspieler, Kritiker, Regisseure, Politiker.

Angesichts der Antworten, die in dem Buch „Fünfzig Theatertreffen“ veröffentlicht sind, muss man sich um den Fortbestand des Bühnengenres keine Sorgen machen: Es blüht und gedeiht offenbar in jedem noch so schattigen Winkel! Der Regisseur, Maler und Bühnenbildner Götz Loepelmann gibt zum Beispiel zu Protokoll, seine standesamtliche Trauung als äußerst Performance-nahen Akt erlebt zu haben, während der Schauspielerin Karin Pfammatter spontan die Geburt ihres Sohnes einfällt. Pfammatters Berliner DT-Kollegin Meike Droste hält generell den „Alltag mit Kindern“ für theatral extrem unterwandert. Und der Dramatiker und Schriftsteller Moritz Rinke findet: „Sie müssten fragen, welche Situation in meinem Leben nicht Performance-nah war.“

Die Frage, ob das Dasein tatsächlich zu einer Art Endlosperformance mutiert ist oder ob es irgendwo einen Ausweg aus dem Komplett-Theater gibt, kann sicher das Regieteam „bignotwendigkeit“ beantworten: Anna K. Becker und Katharina Bischoff untersuchen in ihrer Performance „It ain't over till it's over“ in den Sophiensaelen (22., 23. & 25.5., 20 Uhr) Final-Szenarien schlechthin und überprüfen, was dran ist an den Proklamationen vom „Ende des Klassenkampfes, Ende des Subjekts“ oder vom „Ende des Abendlandes“. Vielleicht wird dabei auch ersichtlich, wo das Theater endet und die Wirklichkeit beginnt – oder umgekehrt.

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