SEHEN : Woran glauben Atheisten?

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So richtig hat sich die saisonale Besinnlichkeit noch nicht auf die Theater übertragen. Während man auf Weihnachtsfeiern und -märkten wenigstens versucht, kontemplative Klänge anzustimmen, wartet die freie Bühnenszene bis zum Jahresende mit ziemlich hartem Stoff auf.

„Cleaning, Babysitting, I help in the house – 7 Euro“ heißt zum Beispiel God’s Entertainments Abend, der im HAU 2 den Arbeitsmarkt hinterfragt (18. –21. 12., 20 Uhr). Kein kuscheliges Thema, zumal es hier nicht um Profiteure der großkoalitionären Mindestlohnregelung geht. God’s Entertainment haben mit Migranten und Flüchtlingen gesprochen, die als Tagelöhner von der Hand in den Mund leben. Ausgehend von Rainer Werner Fassbinders 1968 herausgekommenem Bühnenstück „Katzelmacher“, das ein Jahr später auch verfilmt wurde, hinterfragt die Truppe zum einen das kollektive Bild vom „Gastarbeiter“. Zum anderen ist die Bühne – da die meisten von God’s Entertainments Protagonisten auf dem Bau schuften – eine Baustelle, auf der während der Performance real gearbeitet und teilweise mit den Zuschauern in (Lohn-) Verhandlungen getreten wird.

Man darf der Wiener Performancetruppe auf diesem Gebiet übrigens solide Kompetenzen zutrauen: Vor ein paar Jahren hat sie schon einmal im Rahmen eines Theaterfestivals in Berlin ein temporäres Jobcenter errichtet.

Die Sophiensäle hingegen schreiten den Jahresendfestivitäten zwar mit einer Installation titels „Wer(s) glaubt wird selig“ (18.12., 18 Uhr) entgegen und scheinen damit durchaus auf saisonale Befindlichkeiten Bezug zu nehmen. Allerdings nur vordergründig: De facto steht hier knallharte geistige Arbeit an! „Woran glauben eigentlich Atheisten oder Agnostiker? Wo endet Wissen und wo beginnt Glaube? Brauche ich einen tieferen Grund für meine Existenz?“ Solche Fragen, an denen bekanntermaßen schon ganze Generationen hauptberuflicher Denker gescheitert sind, stehen auf der Vorweihnachtsagenda der Performerinnen Peggy Mädler und Julia Schleipfer. Dass das Duo unter dem Label „Labor für kontrafaktisches Denken“ firmiert, macht die Sache nicht weniger anspruchsvoll.

Eigentlich gut, dass man der Berliner freien Szene auch in der Besinnlichkeitssaison nicht vorwerfen kann, sich jenseits jedweder gesellschaftlicher Relevanz in Befindlichkeitsspielereien zu ergehen!

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