Kultur : Sehende Ohren

Der italienische Komponist Luciano Berio ist tot

Frederik Hanssen

Er hat den Operngängern ihr Liebstes genommen. Aber er hat es auf die sanfte Weise getan. Im Musiktheater von Luciano Berio gibt es keine Handlung mehr, keine logische Dramaturgie. Berios Stücke haben keinen Anfang und kein Ende, diverse Klangschichten und Erzählebenen überlagern sich, fordern den Zuhörer heraus, sich seinen eigenen Weg durch dieses ästhetische Labyrinth zu bahnen. Wer im Wirbel des Überflusses das Meiste nur halb erfassen kann, so meinte Berio, beginnt, aufmerksam zuzuhören, aktiv mitzudenken. So entsteht im Kopf jedes Zuschauers eine eigene Oper. Ziel war ein Theater, „das zu einem ständigen Oszillieren unserer Aufmerksamkeit vom Hören zu Schauen und wiederum zu Hören einlädt“, formulierte er 1995, „das eine Sehnsucht danach wach ruft, mit den Augen zu hören und mit den Ohren zu sehen.“ Naturgemäß stieß diese Herausforderung bei seinen Zeitgenossen auf Unverständnis. Die ratlosen Publikumsreaktionen 1969 bei der Uraufführung seiner „Opera“ in Santa Fe blieben dem Komponisten nachdrücklich im Gedächtnis – abbringen ließ er sich vom Konzept eines Musiktheaters jenseits des Narrativen aber nie.

Berio, 1925 als Sohn eines Organisten in Oneglia (heute: Imperia) an der ligurischen Küste geboren, liebte neben der Musik vor allem die Literatur, und hier Spracharbeiter wie James Joyce und E.E.Cunnings. Immer wieder entzündete sich seine musikalische Imagination an Texten seiner Landsleute Umberto Eco, Edoardo Sanguineti oder Italo Calvino. Auf dem Gebiet der Kompositionsästhetik prägte ihn vor allem Bruno Maderna, mit dem der junge Berio 1956 das Studio di Fonologia zur Förderung elektronischer Musik gründete. Auch wenn er sich über Jahrzehnte intensiv mit seriellen Techniken beschäftigte (bis 1974 in den USA, unter anderem in Harvard und Cambridge, dann in Paris am „Ircam“), stand für ihn stets der Ausdruck im Vordergrund, nicht die Theorie.

So entstanden die „Sequenza“-Stücke für außergewöhnliche Interpreten, allen voran seine erste Frau, die Sängerin Cathy Berberian, mit dem Ziel, das gesamte Spektrum klanglicher Ausdrucksformen zu erforschen.

Luciano Berio, der große Sanfte unter den Komponisten des 20. Jahrhunderts, suchte immer das Extrem – aus echter Neugier, nie aus der Lust an der Provokation. Dabei wollte er, anders als viele seiner Komponistenkollegen nach 1945, die Wurzeln der Tradition nie abschneiden. Am Dienstag ist er im Alter von 77 Jahren in Rom einem Krebsleiden erlegen.

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