Kultur : Sehenswürdigkeit als Bildwunder

KATJA REISSNER

Zwei Künstlerinnen nehmen es mit allerlei traditionellen Topoi der Kunstgeschichte und Kunstproduktion auf und machen sich auf den Weg, das Bild und sein Verhältnis zum Raum abermals neu zu erfinden - was ihnen in gewisser Weise sogar gelingt.Die Architektur und ihre Konstruktion in der bildnerischen Fläche, das scheint das gemeinsame Thema von Friederike Feldmann und Nanaé Suzuki zu sein.

Aber eigentlich ist es umgekehrt: Die bildnerische Konstruktion einer Illusion von Architektur ist ihnen Anlaß zu eigenen Positionen.Sie haben keine Furcht vor den alten Techniken der Ölmalerei (Feldmann) und des Aquarells (Suzuki) und wenden sie mit großer Virtuosität an.Es begegnen sich dabei grundlegende künstlerische Haltungen von Ost und West.Die Japanerin rekurriert auf die asiatische Auffassung vom bildnerischen Raum, der nicht durch die Zentralperspektive hierarchisiert ist und eine polyfokale Wahrnehmung der Fläche eröffnet.Feldmann hingegen bezieht sich auf die dominierende Matrix für die bildnerische Illusion bis in das 19.Jahrundert, die Zentralperspektive.

Kühn setzt Feldmann den "Turm von Pisa" an eine Wand des nackten Galerieraums, kippt dadurch die Perspektive aus dem Lot und stülpt sie plastisch nach vorn.Denn das Objekt ist aus vielen Schichten von Ölfarbe in abgestuften Valeurs aufgetragen und weist ein ausgeprägtes Relief auf.Ausgerechnet das Signet einer Sehenswürdigkeit, die, weil in andauernd drohender Neigung begriffen, zu den neuzeitlichen Weltwundern zählt, erwählt sie zum Bildwunder.Das Motivwird nicht trivial, weil die Anspielung auf das reale Kippen des Turms und seine plastische und zugleich illusionär räumliche Erscheinung ihm zu einer perfekten fragmentarischen und surrealen Präsenz verhelfen.Der Turm ist ein Klischee und Signet und in dieser Konstellation freigesetzt, den ganzen Raum in Besitz zu nehmen.An Sehenswürdigkeit kann es der gemalte mit dem realen Turm aufnehmen, als geballte Bildkonstruktion ist er ein Kommentar zur neuzeitlichen Dekonstruktion von räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen.

Suzukis Arbeit konstituiert den entgegengesetzten Pol: Wo Feldmann großformatig und spektakulär ist, zeigt sie kleine Formate.Feldmann inszeniert den einmaligen Fall mit fast aufdringlicher materieller Präsenz, Suzuki zeigt die Variation in Serie.Ihre fein abgestuften Aquarelle zeigen Ausschnitte von italienischen Städten, und verweigern eben das, was Feldmann bietet: den Signetcharakter der Sehenswürdigkeit.

Suzuki wählt die Ausschnitte so unspezifisch, daß der Betrachter sich zwischen Gebäudenischen verliert, und stellt sie zusätzlich auf den Kopf.Es ist jedoch keine so eindeutige umgekehrte Parallelperspektive, sondern ein verwirrendes Changieren zwischen Raum und Fläche, Licht und Schatten, Begrenzung und Offenheit.Formen alter und neuer Architektur stoßen aufeinander und ergeben ein reiches Spiel von Silhouetten, von Öffnung und Geschlossenheit.Auch hier ist das Thema Ausschnitt, bzw.Fragment als Kommentar zur Dekonstruktion der Wahrnehmung.Auch hier verblüfft der absolute Glaube an die akribische bildnerische Formulierung.Da hätte es kaum des Zusatzes kleiner bemalter Gipsobjekte von Handtellergröße bedurft, die aussehen wie gequirlte Spielzeughäuser.

Galerie Rainer Borgemeister, Rosenthaler Straße 40, Hackesche Höfe IV, bis 2.Januar; Dienstag bis Sonnabend 14-18 Uhr.

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