Kultur : Sehet, welch ein Mensch!

Mit und ohne Gott: die humane Botschaft in Bachs Matthäus-Passion

Marleen Stoessel

In drei Tagen ist Ostern – ein Fest, das aus dem alten jüdischen Pessach-Fest hervorging, bei dem die Juden des Auszugs aus Ägypten gedenken. Seit der „Passion“ des Juden Jesus vor etwa 2000 Jahren wird dieses Fest auch als christliches Auferstehungsfest gefeiert. Wem indessen diese Bedeutung, gar die Teilnahme am religiösen Ritus nicht mehr zugänglich ist, der findet möglicherweise in Bachs Musik, insbesondere in der Matthäus-Passion, dafür einen Schlüssel. In dieser Musik wird nicht nur die Frage historischer Fakten und ihrer theologischen Auslegung gleichgültig; vielmehr wird alles lebendig, was menschliches Leben ausmacht. Neid, Hass, Verrat und Bestechlichkeit, Verleumdung, Demütigung und Hohn, Folter und Mord, Wegsehen und Gleichgültigkeit auf der einen Seite; Leiden, Schmerz und Klage, Verzweiflung und Verlassenheit, Todesangst und tiefe Demut auf der anderen. Und schließlich: Reue, Buße, Mitgefühl und Erbarmen all derer, die sich dieser Leidensgeschichte erinnern. Und diese sind wir: die jährlich sich neu findende Gemeinschaft, die jenes außerordentlichen Dramas gedenkt – sei es im kirchlichen Ritus, sei es im Anhören dieser Musik.

Bach schuf diese Passion vor knapp 300 Jahren. Die Uraufführung fand zwischen 1727 und 1729 in der Leipziger Thomas-Kirche statt. Er schuf sie aus seinem tiefen lutherischen Glauben heraus. Doch erst ein getaufter Jude, der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy, hat sie 100 Jahre später wieder entdeckt und allen, ob Christ, Jude, Agnostiker oder Atheist zugänglich gemacht. Was sich darin offenbaren mag, ist nicht ein theologisch fass- oder unfassbarer Gottes-Gedanke – viel eher, wie der Philosoph Hans Blumenberg darlegte, das „Scheitern“ einer solchen Idee. Ein Scheitern jedoch nicht im Sinne von Nietzsches „Gott ist tot!“, sondern ein Scheitern angesichts des Leidens eines Menschen, der zugleich als „Gottes“- wie als „Menschensohn“ tituliert wird.

In diesem Titel schwingt immer auch jenes „Ecce Homo“ aus dem Johannes-Evangelium mit, der doppelsinnige Ausruf Pontius Pilatus’, als Jesus zum „König der Juden“ ausgerufen und dem Spott der eifernden Menge preisgegeben wird: „Seht da, welch ein Mensch“ – ruft der sich seines Unrechts wohl bewusste, doch seine Hände in Unschuld waschende Pilatus – er, der den vielmals Verleumdeten endgültig zur Hinrichtung freigibt. Diese Verhöhnung aber, dieses „Ecce homo“ kehrt sich um im unerhörten Leiden dieses Menschen, der zu allen Anschuldigungen und falschen Zeugenaussagen schweigt, kehrt sich um in einen stillen Triumph der Humanität: Seht her, hier ist einer, der nichts mehr und nichts weniger ist als ein Mensch, ein Mensch in seiner vollendeten, sprich göttlichen Gestalt. Und er ist dies, nicht nur verhöhnt, bespuckt und geschlagen, sondern noch im Angesicht des Todes, verlassen von seinen schlafenden Jüngern, ja ist es auch in tiefster Gottverlassenheit am Kreuz, im Schrei der Verzweiflung: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Das Leid des alttestamentarischen Hiob, der noch mit seinem Gott darüber zu rechten versucht, erfährt in der Passion Jesu, welchem Bach eine tiefe Singstimme gibt, eine weitere Läuterung. Und all die Bilder der Folter und Menschenverachtung, die uns bis heute bedrängen, das Schicksal gerade auch vieler Charismatiker von Gandhi bis Martin Luther King – hier begegnen wir ihnen wieder, uns einzig lehrend, dass Menschenverachtung immer Verachtung des Göttlichen in jedem Menschen ist. Eine Einsicht, die zum ersten Paragraphen unseres Grundgesetzes führte, welcher der Würde jedes Menschen gilt. Diese Würde ist das Göttliche als das wahrhaft Menschliche in uns, egal ob wir an einen Gott glauben oder nicht.

Diese humane Botschaft geht über alle theologischen Exegesen hinaus: Alle unser Menschenwesen ausdrückenden Farben und Schatten und Töne sind in dieser Passion vereint, vom erzählenden Rezitativ des Chronisten bis zum Chor, der die hetzende Volksmenge, aber auch die fehlbaren Jünger wiedergibt und erst im Schlusschor eine Läuterung erfährt. Vor allem aber in den Rezitativen und Arien der Solisten, die in allen vier Stimmlagen Schmerz, Reue, Demut, Erbarmen und Liebe ausdrücken. Im aufsteigenden Arioso des Alt, im „Erbarme dich“, wird Petrus’ Reue über seine dreimalige Verleugnung des Angeklagten aufgefangen und auf alle, die ähnliche Vergehen bereuen, ausgedehnt. Erinnerung als Katharsis und Läuterung. Auf die Frage des Pilatus aber, „Was hat er denn Übels getan?“, erklingen im Sopran die guten Taten des Wundertäters, denn, wie es anrührend heißt: „sonst hat mein Jesus nichts getan“. Und nach einem innig-zarten Flöten-Zwischenspiel folgt die Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben …“ – auf dass diese allmenschlich sprechende Seele, im Solo des Soprans sich transzendierend, von allem Makel befreit werde.

Schließlich die Choräle, in denen die Gemeinde eines vor heute 2ooo Jahren unschuldig zu Tode verurteilten Menschen gedenkt. Ein Kollektiv, das nicht als ein Wir, sondern als ein Ich und immer in der Gegenwart spricht. Weil jeder sich in ihm gemeint fühlt und erkennt, zur Zeit von Bach, als die Gemeinde die Choräle noch mitsang, ebenso wie heute. So fragt der Chor der Jünger – und in aufgeregtem Durcheinander wiederholt sich elfmal die Frage nach dem Verräter: „Herr, bin ich’s?“ Nach einer kleinen Pause aber, in der aller Wandel geschieht, bekennt sich die Gemeinde: „Ich bin’s, ich sollte büßen …“

Keine Erb- oder Kollektivschuld, keine Sippenhaft, die hier auferlegt werden soll, sondern einzig die Einsicht, dass jeder von uns zum „Sünder“ werden kann, wenn er nicht der eigenen Fehlbarkeit eingedenk bleibt. Hier bekennt sich ein Kollektiv, in dem jeder Einzelne für sich selber, vor seinem Gewissen spricht. Oder, wie es Ivan Nagel in seiner denkwürdigen Rede zur Eröffnung der Wehrmachtsausstellung 1999 mit Bezug auf die Matthäuspassion sagte: „Geschichte machen nicht die Mörder und auch nicht ihre Opfer – sondern die, die da arbeiten am gemeinsamen Wissen und Erinnern.“

Nichts was darum brisanter und aktueller sein könnte, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Shoa, neun Jahre nach dem Attentat auf das World-Trade-Center, angesichts der Bedrohung von Fundamentalismus und Diskriminierung jeglicher Art. Wenn heute über den Sinn von Religion und Aufklärung, über das europäische Erbe, seine Werte und seine „identitätsstiftende“ Bedeutung spekuliert wird – in Bachs Matthäus-Passion haben wir ein Kunstwerk, das die Alternative von Religion oder Vernunft schlicht als falsch verwirft. Im Mehr, das diese Musik über alles Wort hinaus besitzt, findet statt, was eine Gemeinschaft kraft ritueller Erinnerung und Empathie zu binden vermag. Wenn Bach aus tiefer religiöser Überzeugung und Frömmigkeit seine Musik und dieses Passionswerk schuf, so wird uns darin zuteil, was der Musikkritiker Joachim Kaiser einmal als „musikalische Frömmigkeit“ bezeichnete. Sie ist eine der möglichen Antworten, die wir, ob gläubig oder nicht, aus unserem jüdisch-christlichen Erbe zu gewinnen vermöchten.

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