Kultur : Seh’n Se, das war Berlin Die letzte „Insulanerin“:

zum Tod von Edith Schollwer

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Wenn die Zeiten schon nicht zum Lachen sind, dann hilft nur noch eins: ihnen lachend zu trotzen. „Der Insulaner verliert die Ruhe nich, / der Insulaner liebt keen Jetue nich! / Der Insulaner hofft unbeirrt, / dass seine Insel wieder ’n schönes Festland wird!“ Als am 25. Dezember 1948 das Erkennungslied von Günter Neumanns Funk-Kabarett „Die Insulaner“ zum ersten Mal im RIAS erklang, feierten die Berliner ein besonders unfröhliches Weihnachten. Die Sowjets hatten ein halbes Jahr vorher die Blockade begonnen, an Festbraten war im Westen der Stadt nicht zu denken, wer ein paar Kohlen für seinen Ofen aufgetrieben hatte, konnte sich glücklich schätzen. Doch Bangemachen galt nicht, Optimismus war gefragt, und dieser Uns-kann-keener-Stoizismus war auch der Stimme aus dem Radio anzuhören: ein heller Sopran mit fröhlich rollendem R, der dem Marschfoxtrott aus scheppernden Bläsern und sirrenden Streichern wacker voranschritt.

Die Stimme gehörte Edith Schollwer, und ihr Lied avancierte über Nacht zur heimlichen Hymne der Berliner. „Wir spielen bis zur Wiedervereinigung“, versprachen die „Insulaner“, die dann aber doch schon nach 133 Sendungen im Dezember 1968 von den Mikrofonen abtreten mussten. Vergeblich hatte das Ensemble bei seinen letzten Auftritten gegen die APO polemisiert: „Früher am Kudamm, da ging ich gern spazieren / Heute da ist der Kudamm bloß noch zum Demonstrieren.“ Die Insulaner - im Kalten Krieg von der SED als „Kriegshetzer“ verdammt – passten nicht mehr in die Zeit. Am Dienstag ist Edith Schollwer, die letzte Überlebende der Truppe und als Interpretin der über Jahrzehnte immer wieder aktualisierten Durchhaltehymne gewissermaßen die fröhliche Stimme des freien Berlin, gestorben. Sie wurde 98 Jahre alt.

Schollwer begann ihre Karriere auf der Operettenbühne. Sie trat 1928 in „Hereinspaziert!“, der Eröffnungsrevue im „Haus Vaterland“ am Leipziger Platz, auf, Gründgens holte sie in sein „Ulenspiegel“-Kabarett. Aber den Durchbruch schaffte sie erst, als sie beim RIAS Neumann traf, der gerade das Ensemble für sein Radio-Kabarett zusammenstellte. Der Ablauf der „Insulaner“-Sendungen blieb über Jahrzehnte unverändert, er begann mit Schollwers Hymne und endete mit der von allen Darstellern ausgerufenen Parole „Seh’n Se, das ist Berlin!“. Dazwischen: Nummern wie der mit einem imaginären „Pollowetzer“ telefonierende „Herr Kummer“ (Bruno Fritz) und der berlinernde Ost-„Funzionär“ (Walter Gross). Als „komödiantischer Mensch und menschliche Komödiantin“ wurde Schollwer 1952 vom Tagesspiegel gefeiert. Mit ihr endet eine Ära das Berliner Kabaretts. Christian Schröder

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