Kultur : Sehnsucht, die ich meine

Das UBS Verbier Festival Orchestra in Berlin

Daniel Wixforth

Richard Strauss’ „Don Juan“ ist ein schwieriges Unterfangen. Für Orchester wie für Dirigenten. Zum einen ist da der enorme technische Anspruch, zum anderen verlangt die Partitur einen diffizilen Spagat zwischen dem mächtigem Ausdruck und der eher sachlichen Konstruktion des Werkes. Bei seiner Berliner Tournee-Station stellt sich das UBS Verbier Festival Orchestra diesen Problemen unüberhörbar auf hohem Niveau. Nach furiosem Beginn tränken die Streicher das zweite Thema in Sehnsucht, ohne dass es darin unterzugehen droht. Dirigent Ludovic Morlot entlockt dem Orchester hier Klangfarben, wie man sie in Nachwuchsensembles sehr selten hört. Nur die Konstruktion bleibt auf der Strecke: Morlot jagt von Höhepunkt zu Höhepunkt, fegt dabei jedoch oft über das klassisch geformte Fundament der Tondichtung hinweg. „Farbe ist alles, musikalisches Denken nichts“, zitiert das Programmheft den Musikkritiker Eduard Hanslick in seinem negativen Urteil über „Don Juan“. Ein wenig scheint Morlot ihm beizupflichten.

Gut, dass mit Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“ ein schroffer Kontrast folgt, der vor allem von der warmen, ausdrucksstarken Stimme Thomas Hampsons lebt. Der Bariton strahlt eine fast hypnotische Ruhe aus und trifft zwischen naivem Optimismus und kalter Verbitterung präzis die wechselnden Stimmungen der Mahler’schen Gedichtvertonungen. Anschließend wird der Amerikaner vom „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

In Rachmaninows „Sinfonischen Tänzen“ gelingt dem UBS Verbier Festival Orchestra dann, was bei Strauss nicht funktionieren wollte. Kaum weniger als „Don Juan“ fordert das Werk von seinen Interpreten virtuose Fähigkeiten, und dennoch überzeugt hier selbst das kleinste formale Detail. Wieder extrem gewaltig, ja gewalttätig arbeitet Ludovic Morlot die Fortissimo-Passagen heraus, setzt sie – besonders im ersten Tanz – nun aber deutlich von den lyrischen Streicherthemen ab und schafft so fiebernde Klangkontraste. Obendrauf gibt es Ravels „Bolero“ als Zugabe. Nur selbst tanzen ist schöner. Daniel Wixforth

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