Kultur : Sehnsucht Mars

Neues von unserem roten Bruderstern. Alle Jahre wieder beflügelt er unsere Phantasien

Tobias O. Meißner

Als wir im vergangenen Herbst mit unzureichenden Feldstechern gerüstet Ausschau hielten nach diesem orange funkelnden Licht im Sternenmeer, das – so hatten wir gelesen – uns näher war als in vielen Jahrtausenden zuvor, konnten wir kaum etwas anderes empfinden als unendliche Entfernung. Und dennoch – das war er, der Mars, und wir mussten ihn anhimmeln, wir hoffnungslose Marsmenschen.

Der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli entdeckte im Jahre 1877 feine, schnurgerade Linien auf der Oberfläche des Mars, bezeichnete sie erst als canali und dann als Beweis für die Existenz von zivilisiertem Leben. Damit begann der ganze Zauber, der auch heute noch fortdauert – mit rührigen Robotern, die nach Spuren von etwas suchen, was sie selbst nur aus der Theorie kennen.

Die Leben-auf-dem-Mars-Hysterie trieb mannigfaltige Blüten. So die pulpigen Mars-Romane des Tarzan-Erfinders Edgar Rice Burroughs, in denen der irdische Captain John Carter (man beachte die messianischen Initialen) mannigfaltige Abenteuer auf dem kriegerischen Planeten erlebt und sich schließlich zu dessen Herrscher aufschwingt. Oder das berühmte Halloween- Hörspiel von Orson Welles, das 1938 Amerika in Panik versetzte und auf dem Roman „War of the Worlds“ seines britischen Beinahe-Namensvetters H. G. Wells basierte. Oder William Cameron Menzies’ 1953 gedrehte Paranoia-Propaganda „Invasion vom Mars“, in der ein zwölfjähriger Hobby-Astronom die Welt rettet vor zweieinhalb Meter großen Ungetümen und einem tentakelbewährten bösen Hirn im Glas. Oder aber auch die lyrischen und deutlich aufgeklärteren Mars-Chroniken von Ray Bradbury, in denen die importierte Furcht der Menschen vor allem Fremden sich immer nur gegen die Furchtsamen selbst richtet.

Schiaparellis Mars-Kanäle entpuppten sich als optische Täuschung, und die Angst vor der Mars-Invasion konnte den Kalten Krieg nicht überdauern. Tobe Hoopers 1986er-Remake der „Invasion vom Mars“ und auch Tim Burtons „Mars attacks“ konnten nur noch Genre-Parodien sein und ein überfordertes Amerika auf die Schippe nehmen. Stattdessen wurde in der Tradition Bradburys und Philip K. Dicks das Thema der Mars-Kolonisation durchdekliniert, so in „Total Recall“ oder im Computerspiel „Red Faction“, wo die Geschichte eines Arbeiteraufstandes nicht ganz zufällig auf dem roten Planeten angesiedelt wird. Als dann zur Jahrtausendwende bei der NASA laut über eine bemannte Mars-Mission nachgedacht wurde, schickte Hollywood gleich drei bemannte Mars-Missionen in die Lichtspielhäuser („Mission to Mars“, „Red Planet“ und „Ghosts of Mars“), aber alle drei schlugen hart auf und sendeten danach keine weiteren Signale mehr.

Die Invasion findet statt, jedoch in umgekehrter Richtung. Seit vierzig Jahren hagelt es auf dem Mars Mariners, Vikings, Observers, Pathfinders, Polar Landers, Beagles, Spirits und Opportunitys. Vielleicht war es ja ein zwölfjähriger Hobby-Astronom-Marsianer, dem es gelungen ist, die Beagle 2 gerade noch abzuschalten, bevor sie Verstärkung anfordern konnte. Wahrscheinlicher jedoch, dass in der kargen Majestät dieses eher frostigen Planeten nicht der richtige Platz ist für unseren Wohlstandsmüll.

Der Mars wäre nicht der Mars, wenn er sich nicht kämpferisch gebärden würde. Der Planet und der Gott, dem wir den Monat „März“ verdanken und den Dienstag, französisch „Mardi“. Dem das Feuer gehört und das Eisen und der Krieg. Dessen astrologisches Zeichen jene pfeilspitzenbewehrte Erektion ist, die wir auch als Männlichkeitssymbol verwenden. Dessen Orte, laut dem Kabbalisten Agrippa von Nettesheim (1486-1535), die feurigen und blutigen sind, die Öfen, Backstuben, Schlachthäuser, Kreuze, Galgen, Kampfplätze und Folterkammern. Der sich als Einziger der Götter – in seiner griechischen Inkarnation Ares – direkt ins Schlachtgetümmel vor Troja warf und dort reichlich Ernte hielt, bis der Sterbliche Diomedes ihn verwundete und Ares heulend wie ein verzogenes Kind in den Himmel zurückfloh.

Unter „marsischer Zauberei“ verstand man im Mittelalter die Herstellung von teuflischen Waffen, die dem Gegner keine Möglichkeit gaben, sich ehrlich und ritterlich zu verteidigen. Also alles, womit heute Krieg geführt wird, im letzten Jahr, in diesem Jahr und auch im nächsten, Mars passt in jede Zeit, er weht flammend rot auf prominenten Bannern, und ihn mit Technik zu bezwingen, zu bombardieren, zu erobern, ist ebenfalls marsisch.

Doch hat Mars noch eine andere, unbekanntere Geschichte: nämlich eine lang anhaltende Liebesbeziehung mit Venus, mit der er zwar die schrecklichen Söhne Phobos und Deimos (Furcht und Grauen) zeugte, aber auch Amor, Anteros (die Gegenliebe) und die wunderschöne Harmonia.

Wie es in einem der neueren Lieder von Rufus Wainwright heißt:

Then in the evening looking at the stars

But the brightest of the planets is Mars

Then what has happened to love?

Die Sehnsucht nach der Venus – auch das ist der Mars.

Tobias O. Meißner, Jahrgang 1967, lebt als Autor in Berlin. Mitte Februar erscheint im Eichborn Berlin Verlag „Das Paradies der Schwerter“.

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