Kultur : Sehnsucht nach Bubenreuth

Der internationale Mode-Fotograf Juergen Teller entdeckt seine Heimat wieder

Ulrich Clewing

Juergen Teller mag Märchen, und am liebsten mag er die mit einem offenen Ende. Er hat sogar eine seiner Produktionen nach dieser Vorliebe benannt: „Märchenstüberl" – vielleicht, weil seine eigene Laufbahn auch irgendwie märchenhaft verlaufen ist. 1964 in Bubenreuth in der Nähe von Erlangen geboren, hatte Teller eigentlich Musikinstrumentenmacher werden sollen. Wegen gesundheitlicher Probleme hatte er nach einem Jahr die Lehre abbrechen müssen. Eher zufällig fiel seine Berufswahl dann auf die Fotografie, und weil seine Mutter meinte, wenn schon fotografieren, dann staatlich anerkannt, ging er mit 20 Jahren nach München, an die „Bayrischen Staatslehranstalt für Photographie". 1985 zog er nach London, und begann, mit einer Kleinbildkamera, Bands zu fotografieren. Es war hart, zunächst. Doch bald schon machte Teller auch Modeaufnahmen für Magazine wie „The Face“ und „Dazed and Confused“ – und startete durch.

Plötzlich rissen sich die Art-Direktoren in den Redaktionen um ihn, und seine Bilder erschienen in den wichtigsten internationalen Ausgaben der Zeitschrift „Vogue“. Als Mittzwanziger fotografierte er Kampagnen für alle, die in der Branche Rang und Namen haben: für Helmut Lang, Comme des Garcons, Yves Saint Laurent, Calvin Klein, Ungaro und auch für den derzeit so einflussreichen Amerikaner Marc Jacobs.

Mit seinem Stil hat Teller die gängige Ästhetik umgekrempelt. Unter Modefotografen gibt es viele Stars, aber nur sehr wenige echte Revolutionäre: Juergen Teller wurde einer von ihnen. Konsequent widersetzte er sich den Erwartungen seiner Auftraggeber, zeigte Müdigkeit und Banalität, wo sich jeder andere dem Diktat der Schönheitsideale unterworfen hätte, stellte die teuersten Models auf den kalten Boden der Tatsachen und entdeckte die Poesie des Nebensächlichen. Von Bubenreuth bei Erlangen war er lange weit entfernt.

Nun, nach achtzehn Jahren des internationalen Lebens und Reisens, ist Juergen Teller nach Hause zurückgekehrt, samt Fotoausrüstung. Das Ergebnis präsentiert jetzt die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts: achtzehn Bilder aus „Zwei Schäuferle mit Kloß und eine Kinderportion Schnitzel mit Pommes Frites" (zwischen 1200 und 6950 Pfund). Es ist eine Reise in die Vergangenheit geworden, und man merkt jedem dieser Fotos das Staunen an, das den Fotografen ergriffen hat angesichts der Orte und Menschen, mit denen er aufgewachsen ist.

Man sieht die Arbeiter in den schmucklosen Räumen der Firma seiner Eltern, ernsthaft dreinblickende Menschen aus der Provinz, von Teller so porträtiert, als könnten sie auch Philosophen oder Künstler sein. Man sieht alltägliche Einrichtungsgegenstände in Arrangements, die wie Schnappschüsse wirken, dem Betrachter aber nach einem kurzen Moment der Irritation ihre ganze Absurdität offenbaren. Man sieht Tellers Mutter, die ihren Kopf in das aufgerissene Maul eines ausgestopften Krokodils legt, und die Tropfsteinhöhlen, in denen der Künstler als Junge mit Freunden gespielt hat.

Das alles sind Bilder, die sehr persönliche Geschichten erzählen – aber das war bei Tellers Modefotos auch schon so. Auch da hatte man häufig das Gefühl, als täte Teller nichts anderes, als sich mit Freunden zu treffen und sie zu fotografieren, im Schwimmbad, in Wohnungen oder während eines Ausfluges aufs Land. Trotzdem unterscheiden sich diese neuen Fotos fundamental von den bisherigen. Innerhalb dieser Serie gibt es eine Reihe von Aufnahmen, wo Teller selbst nackt dasteht. Das sind die Schlüsselbilder dieses Projektes: Der Fotograf hat sich – auch metaphorisch – allen Ballastes entledigt, sich frei gemacht von letzten Zwängen, auf die Suche begeben nach sich und seiner Erinnerung.

Schule, Fußballplatz, Fabrik – dieses Dreieck seiner Adoleszenz in Bubenreuth hat Teller besichtigt und seiner Fantasie viel Platz gelassen. In „Zwei Schäuferle…" kann man den Fotografen dabei beobachten, wie er voller Verwunderung auf seine Umgebung schaut und vor lauter Erregung über das Gesehene manchmal fast ein wenig melancholisch wird. Teller hat sich schon immer um Dinge bemüht, die ihn berühren. Seine Heimat gehört dazu. Und niemand scheint sich darüber mehr zu wundern als er selbst.

Contemporary Fine Arts, Sophienstraße 21; Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sa. 11-18 Uhr; bis 19.7.

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