Kultur : Sehnsucht nach dem Sofa

VOLKER HAGEDORN

Nicht, daß wir das Beharrungsvermögen des vorigen Bundeskanzlers schmälern wollten.Aber so beeindruckend sind seine sechzehn Jahre nicht, verglichen mit der Amtszeit, auf die ein zweiter Repräsentant der Bundesrepublik verweisen kann.Sie umfaßt mittlerweile 45 Jahre, wenn man ihren Beginn dort sieht, wo sich die Knollennase bildet und der Mensch vorm Hunde kniet.

Das Publikum begriff damals allerdings nicht gleich, wen es vor sich hatte.Die Leser des Magazins, in dem Loriots Vierbeiner im Jahre 1953 Klavier spielten und sich Menschen hielten, schrieben Briefe wie diesen: "Lassen Sie doch endlich die blöden und abstoßenden Hundebilder aus Ihrer Zeitung.Diese heben das Niveau des `SternÔ sicher nicht." Chefredakteur Henri Nannen willfahrte, und Vicco von Bülow wurde trotzdem berühmt.

Vielleicht lag das auch an der Art, in der seine Knollennasenmännchen bekleidet sind.Sie tragen gestreifte Hose ohne Aufschlag und schwarzes Sakko, bekannt als und benannt nach Gustav Stresemann, dem letzten deutschen Friedenspolitiker vor dem Dritten Reich.Mit dieser Konfektion unterläuft der Zeichner die Konstruktion einer Stunde Null und greift zurück auf einen der edleren Stoffe, die die deutsche Geschichte zu bieten hat.

Bis heute betrachten die Deutschen ihre Loriotmännchen, ohne den geringsten textilen Anachronismus zu empfinden.Denn diese Figuren (und Loriots Schöpfungen überhaupt) beziehen sich nie zuerst auf einen Zeitgeist, sondern sozusagen auf die innere Verfassung der Bundesrepublik, die auch nach ihrer Verbreiterung eine ziemlich verklemmte und in dieser Form erstaunlich stabile ist.Stets sehnt man sich nach früher und hat Angst vor der Bewährungsprobe.Denn dann erweist sich: "Der Hund kann gar nicht sprechen."

Da gibt es Männer, die die unerträgliche Nähe in einer gemeinsamen Badewanne durch den mit juristischer Schärfe geführten Streit um eine Schwimmente auflösen; und Menschen, deren erotisches Abenteuer an einem im Mundwinkel hängengebliebenen Nudelfragment scheitert.So wie Loriot per Stresemann den Wunsch nach einer besseren Vergangenheit ganz beiläufig erfüllt, so elegant veredelt er auch die schweren Kontaktstörungen, unter denen Völker nördlich der Alpen von Natur aus leiden.

Die Deutschen haben noch eine Reihe weiterer Macken, die bei Loriot Gestalt annehmen.Zum Beispiel das gestörte Verhältnis zu Dichtern und Köchen.Bis etwa 1914 hielt man sich Leute dieser beiden Berufsstände, danach verschwand weitgehend das zuständige Bildungsbürgertum, dem übrigens auch Vicco von Bülow entstammt.Und bis heute haben die meisten im Land weder an raffinierter Lektüre noch an raffinierter Küche großes Interesse, aber dennoch ein schlechtes Gewissen.Das legt sich rasch, wenn für ein Bauernomelette "ein bis zwei zarte Landwirte durch ein feines Sieb gestrichen" werden dürfen.Und wie wohltuend ist ein mit klassischer Strenge verfaßtes Adventsgedicht, in dem die Försterin den Förster sauber zerteilt.Wo Goethescher Duktus in barbarische Abgründe führt, sind selbst junge Surfer so begeistert, daß sie das Poem ins Internet stellen.

Nur haben sie da nicht mit Herrn von Bülows Pedanterie gerechnet, die eben nicht auf Zwangscharaktere wie Herrn Winkelmann aus "Ödipussi" beschränkt ist.Sein Schöpfer geht nicht nur im Handwerk ökonomisch vor, sondern auch finanziell.Als "www.loriot.de" verkauft er seine Ideen als Geschenkpapier und verfolgt seine Fans als Piraten.Das Adventsgedicht mußten sie löschen.

Vielleicht hatten sie ja gedacht, der Mann sei schon Geschichte und etwa so alt wie Thomas Mann.Was ein verzeihlicher Irrtum wäre.Den Großschriftsteller hat er schon mal selbst gespielt (unter Bernhard Sinkels Regie) und später mit einer Knollennase versehen.Und als Generalrepräsentant eines inneren Bürgertums ist Loriot durchaus ein Nachbar der Goethes und Manns, nur eben ohne soviel Respekt zu fordern.

Den erweist er im Gegenteil seinem Publikum.Er, der dezente Wagner-Liebhaber, ist höflich.Das ist vielleicht die einzige seiner Eigenschaften, die sich in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit nicht wiederfindet.Mit sieben Jahren schrieb er einen Aufsatz über Zugvögel."Sie brüten auch nicht, weil sie die Affen töten." Mit siebzig kommentierte er das: "Eine sehr interessante Studie über das brutale Verhalten unserer Zugvögel im Ausland." Der Witz darin kann einen schon wieder in Abgründe führen.Muß aber nicht.

Denn Loriot verschreibt keinem, von wo aus er zu lachen habe.Und man ist in Deutschland gern mal selbständig, wenn es einem solch eine Autorität erlaubt.Wahrscheinlich ist er auch deswegen schon so lange im Amt.Heute wird er 75.

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