Kultur : Sehnsucht nach Moskau

Potsdam und Berlin erinnern an Konrad Wolf

Hans-Jörg Rother

Wer in diesen Tagen durch das gähnend leere Akademiegebäude am Pariser Platz wandert, dem fallen vielleicht in der oberen Etage, vor der Glaswand des Plenarsaals, drei Vitrinen auf, die an Konrad Wolf, den 1982 verstorbenen Präsidenten der Ostberliner Akademie der Künste, erinnern. Fotos zeigen ihn im Gespräch mit Freunden: Frank Beyer, Wieland Förster, Christa Wolf, Peter Weiss. Aber auch Erich Honecker lieh dem Regisseur ein Ohr. Dazwischen Briefe und Protokolle: Der Kabarettist Wolfgang Neuss bittet um Einreiseerlaubnis in die DDR, Franz Fühmann beklagt, mit kaum unterdrücktem Zorn, den Weggang hoffnungsvoller Talente. 1976 liegt die Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Biermanns auf Wolfs Schreibtisch. Der Präsident unterschrieb nicht. Er wollte vermitteln, wo nicht zu vermitteln war.

„Archiv-Schaufenster“ steht über der Miniausstellung, die von der Idee übrig blieb, den am 20. Oktober 1925 in Hechingen geborenen Defa-Regisseur mit einer großen Schau zu ehren. Die klimatischen Verhältnisse des Hauses könnten den Dokumenten Schaden zufügen, verlautete. Nun ruht der Nachlass, ungenutzt, aber trocken, im Archivgebäude am RobertKoch-Platz. Wäre nicht am Hanseatenring genügend Platz gewesen? Ob jedem Besucher beim Blick in die Vitrinen klar wird, dass Wolf nicht nur von 1965 an eines der wichtigsten Kulturämter der DDR ausübte, sondern auch Filme wie „Sonnensucher“ (1958/72), „Sterne“ (1959, Regiepreis in Cannes), „Ich war neunzehn“ (1968) oder „Solo Sunny“ (1980) schuf, darf bezweifelt werden.

Genauer unterrichtet die umfangreiche Foyerausstellung im Filmmuseum Potsdam. Aus eigenem Bestand präsentiert sie das Drehbuch „Die Heimkehr“, wie der autobiographische Film „Ich war neunzehn“ erst heißen sollte. Ein Brief an die Familie in Moskau, geschrieben am 4.12.1944 von der Front, spricht den inneren Zwiespalt des Emigrantensohnes und Leutnants der Roten Armee klar aus: „Wenn ich daran denke, dass ich selbst Deutscher bin, so wird mir ganz elend zumute und bitter für meine Nation.“ Seiner Einheit gegenüber lagen die SS-Divisionen „Totenkopf“ und „Wiking“. Erst im Jahr 1952, nach dem Regiestudium in Moskau, beantragte Konrad Wolf die Staatsbürgerschaft der DDR. Im Herbst 1981 fuhr er zum letzten Mal nach Moskau. Die Aufnahmen von Barbara Köppe zeigen einen einsamen Mann auf dem Flur der Filmhochschule, vor dem Wohnhochhaus im Arbat, bei der geliebten Datsche im Vorort Peredelkino. Auf dem Krankenlager in Berlin-Buch soll er wieder russisch gesprochen haben.

Auf der oberen Etage bringen Fotos und Dokumente die wichtigsten Filme in Erinnerung. Auch der Sohn von Friedrich Wolf („Kunst ist Waffe“) und Bruder von Markus Wolf unterlag der Zensur. Eilfertig distanzierten sich führende Genossen wie Anton Ackermann 1958 vom Wismut-Film „Sonnensucher“, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte: ein Obersteiger mit SS-Vergangenheit, dieses wilde Leben. Bewegend liest man die Erinnerungen von Angel Wagenstein (Autor von „Sterne“ und „Goya“) an den Freund. „Grüblerische Schwere“ bescheinigt ihm Kurt Böwe, Hauptdarsteller in „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“.

23 Jahre nach seinem Tod ist Konrad Wolf in Deutschland wieder ein Heimatloser. Er wäre es aber auch im heutigen Russland. Sein „Olymp“, mit dem er 1944 in einem Brief Moskau verglich, ist eine Stadt des Business, der Neureichen und der Armut geworden. Und doch beeindrucken seine 13 Filme noch immer als „aufrichtige Abbilder seiner Seele“ – ein sperriges Treibgut der Zeit.

Am 19. Oktober, 20 Uhr, lesen im Plenarsaal der AdK Frank Beyer, Wolfgang Kohlhaase, Renate Krößner und Jaecki Schwarz aus Briefen, Tagebüchern und Notizen von Konrad Wolf. Am 23. Oktober beginnt das Babylon Mitte eine Retrospektive.

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