Kultur : Sehnsucht nach Nestwärme - Eine Ausstellung der Nordkoreanerin

Elfi Kreis

Wenn Eun Nim Ro in ihrem Hamburger Atelier steht, gleicht sie einer Schiffbrüchigen. Für die Nordkoreanerin, inzwischen Professorin in der Hansestadt, bleibt nur einige Fußbreit Platz. Wie auf einer winzigen Insel bewegt sie sich inmitten eines Meeres von Blättern aus Maulbeerpapier. Auf ihnen tummeln sich Kopffüßler, laufende Fische und andere Wassertierchen. Eigenwillige Symbiosen zwischen Flora und Fauna finden statt: Die Flügel eines Vogels verwandeln sich in Flossen; Fischen und fantastischen Mischwesen wachsen Füße, die wiederum Handabdrücke der Künstlerin sind. Tiere werden zu Blumen, Blätter mutieren im Schöpfungskreislauf dieser wundersamen Metamorphosen zum Schwan. Intuitiv entstehen Blumen-, Hörner-, Doppel- oder Nachttier (1900 Mark bis 9500 Mark). Oft bearbeitet Eun Nim Ro auch beide Seiten ihrer Blätter. Auf den durchscheinenden Seidenpapierbögen ergeben sich dadurch reizvolle Effekte.

Ihr einfacher, breiter Pinselschwung kommt von der Kalligraphie. Doch zieht die Künstlerin keinen Trennstrich zwischen westlich expressiver Malerei und fernöstlicher Tusch- und Zeichentechnik. Fließend verschwimmen in ihren klaren und einfachen, auf starkem Hell-Dunkel-Kontrast beruhenden Bildern zugleich die Grenzen zwischen Realität und Traum. Eun Nim Ro hat sich das kindliche Staunen vor der Welt bewahrt. Souverän bekennt sie sich zur eigenen Emotionalität und Poesie. Selbst kleinste Formate ihrer Radierungen strahlen eine große Gelassenheit aus (Auflage 20 / 30, 350 Mark bis 780 Mark). Die Kunst, ein langer, ruhiger Fluß? Hinter den Bildern steckt mehr als nur die Leichtigkeit des Seins. So unbefangen, gar naiv wie sie zunächst erscheint, ist diese Malerei nicht. Neben enger Naturverbundenheit bezeichnet Eun Nim Ros spröder, bisweilen lakonisch humorvoller Pinselstrich auch eine große Sehnsucht: nach Einfachheit, Geborgenheit und Nestwärme. Leise Trauer und das Leitmotiv Melancholie schwingen mit.

Als die Koreanerin 1970 nach Deutschland kam, erlebte sie einen Kulturschock, dem sie mit Farbe und Pinsel begegnete - als Überlebensstrategie. "Ohne Zuhause / war ich, / als ich umherirrte / wie ein verlorenes schwarzes Schaf / Meine Heimat wurde die Kunst", schreibt Eun Nim Ro in einem der Gedichte zu ihren Radierungen. Zu finden ist es in einem Künstlerbüchlein aus dem Verlag Horst Dietrich, das soeben zur Messe "Art Frankfurt" erschienen ist und dort zur Soloschau Eun Nim Ros vorgestellt wurde (Vorzugsausgabe mit einer Radierung 200 Mark). In ihren embryonalen Mischwesen liegt der Ursprung für ein riesiges Spektrum noch unentdeckter Existenzformen. Eine besondere Stärke ihrer Kunst: Sie verkörpert das Prinzip Hoffnung. Zugleich wecken die unbeholfenen Wesen Beschützerinstikte, manche möchte man sogleich adoptieren. An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Ein breites Galeriepublikum findet Eun Nim Ros Blätter zauberhaft. Kunstkritiker dagegen mögen sie seltener. Mancher sieht in ihnen nur die Flucht in ein verlorenes Paradies und harmonieseelige Heile-Welt-Phantasien.Galerie Horst Dietrich, Giesebrechtstr. 19

bis 15. April; Mittwoch bis Freitag 13-19 Uhr, Sonnabend 11-13 Uhr.

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