Kultur : Sehnsucht nach Orange

Nischen statt Wir-Gefühl: Das große Open-Air-Festival von Roskilde ist im Umbruch

Steen Lorenzen

Am Ende wirft der Tod einer 35-jährigen Frau aus Berlin einen Schatten über das 41. Festival im dänischen Roskilde. Sie fällt vom 30 Meter hohen Turm einer Seilbahn und erliegt ihren Verletzungen (siehe Seite 28). Sofort sind die Erinnerungen da: an das Jahr 2000, als neun junge Männer beim Konzert der US-Rock-Band Pearl Jam ums Leben kamen. Erdrückt von der Menge vor der Hauptbühne.

Die Macher des traditionsreichen und größten nordischen Musikevents haben in den Folgejahren alles daran gesetzt, dass man in Roskilde wieder beides haben kann: im Rhythmus und Rausch des Festivals den Alltag ausblenden und sich gleichzeitig unter 75 000 Musik- und Partybegeisterten geborgen fühlen. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen vor den großen Bühnen hat das Publikum längst angenommen. In den von „Crowd Safety“-Personal umsorgten Besucherzonen sind die Lücken im Publikum zu groß für Gedränge.

Eng wird es bei den Konzerten auch schon deshalb nicht mehr, weil sich in Roskilde alle zerstreuen: in die fein gegliederte Nischenwelt der Popmusik. Eine Entwicklung, die auf Kritik stößt. „Zu nerdig“ hieß es schon vor Festival-Beginn in der dänischen Tageszeitung „Politiken“, die wie ein Großteil der dänischen Medien die Entwicklung „ihrer Kulturinstitution“ genauestens beobachten. Neidvoll blickt man auf das britische Konkurrenzfestival Glastonbury, bei dem in diesem Jahr mit U2, Coldplay, Elbow und Radiohead zahlreiche Schwergewichte auf den Bühnen standen. Dagegen sahen die Roskilde-Headliner Arctic Monkeys oder die Strokes und selbst Portishead und PJ Harvey auf dem Plakat eher bescheiden aus.

Obwohl das Nonprofit-Festival auch in diesem Jahr vorzeitig ausverkauft war, reichte das Budget nicht, um größere Namen zu gewinnen. Dafür sind in den letzten Jahren die Honorarforderungen in der ersten Liga der Popmusik zu stark gestiegen. Trotzig laboriert man in Roskilde mit einem neuen Konzept. Was man in den kleinen Zelten schon immer beherzigte – eine breite Ausrichtung von nordischen Lokalmatadoren über globale Rootsmusik bis hin zu eklektischen Elektrosounds – könnte zur Signatur des gesamten Festivals werden.

Es gibt einige Momente, in denen dieses Konzept aufgeht. Sehr gut kommt etwa Trendmusik wie der extrem verlangsamte Elektroblues von jungen Künstlern wie Nicolas Jaar oder James Blake an – passt auch gut zum nasskalten Wetter. Die Dubstepstars Magnetic Man lassen eine zweistündige Bass-Party steigen, die gleichzeitig ein großes Dankeschön ist. Denn der Enthusiasmus des Roskilde-Publikums gab vor drei Jahren ihrer Karriere den entscheidenden Kick. Und dann geht ein neuer Stern am schwedischen Blueshimmel auf: Daniel Nohrgren spielt, als wolle er es dem legendären Robert Johnson gleich tun und seine Seele an den Teufel verkaufen. Das Publikum bringt zum Lohn das kleine Zelt zum Abheben.

Kaleidoskopartig fügt sich das Soundbild dieses Festivals mit jedem Tag neu zusammen. Aus manchem Dreh entstehen sogar sehr schöne Verbindungen: wenn etwa das Saxofon aus Nicolas Jaars Elektrouniversum nicht nach klebrigen Achtziger-Jahre-Sounds, sondern nach Afrobeat-Bläsern klingt, wie sie ein paar Stunden später bei Seun und Femi Kuti, Söhnen des legendären Afrobeat-Meisters Fela Kuti, im Original zu hören sind.

Die Probleme des Festivals sind allerdings nicht zu überhören und -sehen. Am Freitagabend zeigen die Programmmacher zwar viel Mut, als sie mit Portishead und M.I.A. gleich zwei Mal elektronische Musik auf die orangefarbene Hauptbühne schicken. Doch die TripHop-Band aus Bristol kann auch mit großartigem Sound und einer erstaunlich kontaktfreudigen Sängerin Beth Gibbons die Bremskraftwirkung ihrer Musik nur vertiefen. Anschließend verpasst die Elektro-Rebellin M.I.A. die Chance, einen erlösenden Partymoment zu kreieren. Ihrem Mixtape und dem gut komponierten Videocliptrash fehlt das dynamische, lebendige Gegenüber. Kein einziges Mal fällt Licht auf das Gesicht der Sängerin.

Das „Orange Feeling“, der große gemeinsame Moment vor der Open Air Bühne, stellt sich in Roskilde immer seltener ein. Das ist der Preis für die Neuausrichtung des Festivals. Hilflos bis albern wirkt der Versuch, das 20 bis 25 Jahre alte Publikum mit Rockdinosauriern wie Iron Maiden zusammenzubringen. Selbst Alex Turner von den Arctic Monkeys sieht in der einzigen Lederjacke, die weit und breit zu sehen ist, alles andere als cool aus. Immerhin macht Gott ein paar Fotos für sein Archiv, als die Strokes die Orange Stage betreten. Gewaltige Blitzlichter begleiten eines der besseren Rockkonzerte. Sänger Julian Casablancas plaudert über seine dänischen Ahnen.

Es sind diese Augenblicke der Zuwendung, die sich auszahlen. Für PJ Harvey zum Beispiel, die bei ihrem Konzert von der fabelhaften Präsenz zehrt, die sie vor zehn Jahren im gleichen Zelt zeigte. Mit elektrisch verstärkter Zither und ohne Bassgitarre klingt sie dieses Mal viel zu dünn für das große Arena-Zelt, doch jedes einzelne Lied wird vom Publikum mit großem Jubel quittiert.

Nach solchen kurzen gemeinsamen Erlebnissen zerfällt die Masse wieder und zieht weiter in der Nischenlandschaft des Festivals. Zu der gehört längst auch eine ausgedehnte, teils wilde Partyzone auf dem riesigen Campinggelände. Wer hier auflegt, steht zwar nicht im Festivalprogramm, dafür mit etwas Glück aber im Mittelpunkt einer rauschenden Nacht, zusammengehalten vom wummernden Sound der notdürftig bis liebevoll gebastelten Soundblaster. Diese Party abseits der Konzerte lässt sich nicht unter Kontrolle bringen, auch nicht mit Spektakeln wie der längsten Seilbahn Dänemarks.

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