Die halbe Stadt ist umkämpftes Sanierungsterrain

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Sehnsuchtsland Georgien : Ode an die kolchische Pimpernuss
Zeitgenössische Signale. Die Friedensbrücke über die Kura - und das nie eingeweihte Kulturzentrum.
Zeitgenössische Signale. Die Friedensbrücke über die Kura - und das nie eingeweihte Kulturzentrum.Foto: David Mdzinarishvili/Reuters

Nur wenige Gehminuten von der schick restaurierten Altstadt rund um die Sioni-Kathedrale betritt man plötzlich ein Trümmerland. Auf den Straßen, die zum Gudiashvili-Platz führen, der mit seiner Parkbank-Idylle der Zerstörungswut als Einziges standgehalten zu haben scheint, knirscht das Geröll. Manche der Häuser aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind schon in sich zusammengesunken, andere lehnen sich gefährlich aufeinander zu und würden einander wohl die Fassade einschlagen, wenn sie nicht Wälder von Eisenträgern davon abhalten würden. Doch kein Krieg, kein kaukasisches Erdbeben hat sich hier ausgetobt. Das Areal ist eine Investitionsruine, nachdem wochenlange, von Kundgebungen und Konzerten begleitete Proteste im Sommer 2012 die unwürdigen Pläne des Wiener Architekturbüros Zechner & Zechner verhinderten.

Die halbe Stadt ist ein umkämpftes Sanierungsterrain, auf dem sich die stadtplanerische Sorge um die Bausubstanz mit dem Raubrittertum von Investoren und Oligarchen verbindet. Der augenfälligste, im Stadtbild ganz und gar fremde Wolkenkratzer, ist seit einem Jahr das Sechs- Sterne-Hotel The Biltmore. Man betritt es durch einen denkmalgeschützten Sowjetbau mit klassizistischer Stalin-Wucht, in dem einmal das Marx-Engels-Lenin-Institut untergebracht war. Der 32-stöckige Turm mit Dachterrasse ist mehrheitlich mit Geldern der Dhabi Group aus den Vereinigten Arabischen Emiraten finanziert worden.

Verrotten der jüngsten Gegenwart

Das ehrgeizigste Projekt wiederum ist die Umgestaltung des Freiheitsplatzes am anderen Ende des Rustaveli-Straße. Wo einst das sowjetische Univermaghi-Kaufhaus stand, will Bidzina Ivanishvili, der 2012/13 ein Jahr als Premierminister der damals neu gegründeten Regierungspartei Georgischer Traum einen Ausflug in die Politik unternahm und heute mit Abstand der reichste Mann seines Landes ist, im September die hypermoderne Galleria Mall eröffnen. Noch umstritten sind seine Vorstellungen, nebenan ein Sieben-Sterne-Hotel mit Seilbahn-Anschluss zu einem Kongresszentrum auf den Sololaki-Hügeln zu bauen, unweit seines privaten, von dem Japaner Shin Takamatsu entworfenen futuristischen Glaspalasts.

Währenddessen verrottet anderswo nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die jüngste Gegenwart. Die extravaganten Bürgerämter, die Saakashvili bauen ließ, bevor er aus dem Land gejagt wurde, nachdem er Georgien von einer Korruption befreit hatte, der er schließlich selbst anheimfiel, sind noch so gut in Schuss wie die transparenten Polizeistationen. Die beiden gigantischen miteinander verbundenen, silbern ummantelten Röhren der nie eingeweihten kulturellen Mehrzweckhalle am linken Ufer der Kura aber sind einfach unbenutzt liegen geblieben: Zeugnisse einer Zwischenzeit, die noch lernen muss, das Alte zu retten, ohne das auch keine Zukunft kommt.

Unter dem Titel „Georgien allein zu Haus“ findet am Samstag, den 1. Juli, in der Villa Elisabeth, Invalidenstraße 3, von 15.30 Uhr bis 22 Uhr ein kulturelles Programm mit Lesungen, Konzerten, Diskussionen und einem Festmahl statt. Mehr unter www.movingpoints.de/georgien

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