Land der kulturellen Überschreibungen und Durchstreichungen

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Sehnsuchtsland Georgien : Ode an die kolchische Pimpernuss
Zeitgenössische Signale. Die Friedensbrücke über die Kura - und das nie eingeweihte Kulturzentrum.
Zeitgenössische Signale. Die Friedensbrücke über die Kura - und das nie eingeweihte Kulturzentrum.Foto: David Mdzinarishvili/Reuters

Anders als in Georgien selbst wird man sich mit ihnen womöglich auch auseinandersetzen. Der Altphilologe Levan Berdzenishvili, als Parlamentarier, Hochschullehrer und Fernsehtalker der beste Kandidat für die offene Stelle eines georgischen public intellectual, führt beredt Klage, dass in seinem Land offenbar alle schreiben, aber niemand, außer als Freundschaftsdienst, das Entstehende kritisch würdigen will. Es passt eben in diesem Land der kulturellen Überschreibungen und Durchstreichungen, das mal wie Südfrankreich und mal wie der Vordere Orient wirkt, nichts wirklich zusammen.

Als einer der letzten sowjetischen Dissidenten, der für die Mitbegründung der Republikanischen Partei drei Jahre lang in den Gulag wanderte, hat Berdzenishvili mit einer sarkastischen Fiktionalisierung seiner Erlebnisse zwar selbst zur Literaturlawine beigetragen, geht ansonsten aber mit gutem Beispiel voran.

Stalin - ein Denkmal fast ohne Makel

Das Stalin-Museum in Gori, dem eine Autostunde von Tiflis entfernten Geburtsort von Iosseb Bessarionis dse Dzhugashvili, der sich später „der Stählerne“ nannte, muss auch Berdzenishvili ein Grauen sein. Seit seiner Gründung 1957 hat es so gut wie keine Änderungen erfahren. Alle Bestrebungen, der gotischen Protzanlage, in deren Park das tempelartig mit Hammer-und-Sichel-Decke umbaute Elternhaus steht, eine zeitgemäße Ausstellung zu verpassen, sind an der Stadtverordnetenversammlung gescheitert. In der oberen Etage erstreckt sich das Reich des Lichts. Aus einem Wust von Dokumenten tritt Stalin weiter als genialischer Rebell hervor, der sich früh gegen das Priesterseminar und für die Revolution entschied, der mehrmaligen Verbannung nach Sibirien trotzte und ein überragender Staatsmann wurde.

Erst im Parterre, neben dem Souvenirshop, zeigt ein kühler, schlauchartiger Nebenraum, der eigens aufgeschlossen werden muss, andeutungsweise Stalins dunkle Seiten. Was die Fotos aus dem verlorenen georgisch-russischen Zehntageskrieg von 2008 dort verloren haben, wissen allerdings nur die, die jede böse Erfahrung am liebsten in die Abstellkammer verbannen. Das propagandistische Gegenteil, wenn auch unter weitgehendem Verzicht auf Stalin, findet man im Museum der sowjetischen Okkupation, das der amerikafreundliche Ex-Präsident Mikheil Saakashvili im vierten Stock des Tifliser Nationalmuseums einrichten ließ: eine einzige Demonstration gegen die blutrünstigen Monster der früheren Zentralmacht.

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