Kultur : Sehnsuchtslied

Quasthoff, Röschmann und Bostridge singen in Berlin

Sybill Mahlke

Die Berliner Philharmoniker laden sich gern Gäste ein, die ihr symphonisches Repertoire mit Solo-Recitals bereichern. Somit dient das Orchester als Konzertveranstalter der Ganzheit der Musik. Hat man je etwas Amüsanteres gehört als die Kantate „Der Hochzeitsbraten“ von Franz Schubert, wie sie mit praller Komödiantik von drei seriösen Sängern vorgetragen wird? Es sind Dorothea Röschmann, Ian Bostridge und Thomas Quasthoff, und der Bariton genehmigt sich ein paar fiese Töne, wo das Jagdstück la la la die Konvention bedient. Eine erhellende Karikatur, an die der Komponist sicher nicht gedacht hat.

Dabei hat das Terzett seine Fans mit einem elitären Programm in die Philharmonie gelockt, mit Schubert-Vertonungen aus Goethes „Faust“ und „Wilhelm Meister“. Das ist eine Kunstebene, die als erhaben gilt: der geheimnisvoll an einer Schuld tragende Harfner und Mignon, dieses liebenswerte, androgyne, verschlossene Wesen. „Nur wer die Sehnsucht kennt“ singt sie zusammen mit ihrem Vater und Beschützer (in dieser Fassung Röschmann und Bostridge), dann noch einmal allein. Röschmann interpretiert die Mädchenlieder eher pastos, bis die Utopie aufleuchtet im Land, wo die Zitronen blühen. In den „Faust“-Szenen wird die Gretchen-Tragödie beinahe Musiktheater. Nach der kantablen Kostbarkeit seiner Harfnerlyrik bringt Quasthoff im „Faust“ eine ganz neue gallige Farbe ein: stimmlich sublimierter Böser Geist.

Als wäre die Schubertiade zu übertreffen, singt Bostridge im Kammermusiksaal mit einer Konzentration ohnegleichen Mahler und Henze: Es geht um den „fahrenden Gesellen“ und die „Gesänge aus dem Arabischen“. Andächtige Stille nach jedem Lied. Begleitet von dem Pianisten Julius Drake, der beiden Konzerten seine musikalische Seele gibt, verbinden sich bei dem Sänger Introvertiertheit und Reichtum des Ausdrucks. Und als Zugabe „widmet“ er Henze sein unerhörtes Pianissimo: „Komm, reiche mir die Hand.“

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