Kultur : Sehr weit weg

CHRISTINE WAHL

Das Szenario ist ein Theater.Ein Theater, dessen Direktor sein Arbeitszimmer seit Jahren nicht verlassen und dessen ruhmreicher Schauspieler eisern zu schweigen beschlossen hat, während der Inspizient sich haltlos in nurmehr zeremonieller Pflichterfüllung ergeht.Mit anderen Worten: "demi-jour", der Text des französischen Autors, Regisseurs und Schauspielers Jean-Marie Patte, verhandelt das Sein oder Nichtsein des Theaters und läßt - mit adäquater Melancholie - den (von ihm selbst gespielten) jüngeren Bruder des schweigenden Schauspielers eine schillernde Epoche heraufbeschwören, die längst der Ära der "Zweit- und Zweitzweitbesetzungen" anheimgefallen ist.Die ehrfürchtige Rede ist vom "Stern des Nordens", einer sogenannten Grande Dame der Branche, die denn auch - mittlerweile erblindet - für einen finalen Auftritt auf die leere Bühne getragen wird.

Dem beklagten Entschwinden der hehren Kunst entsprechend, inszeniert der Autor sein Stück im Hebbel-Theater in eigentümlicher Starre und läßt die raren Gänge seiner Darsteller gern in nahezu statischen Bildern verenden; und dieser kalkulierte Minimalismus ist zwar verständlich, aber durchaus gewöhnungsbedürftig.Man betrachtet sozusagen - knappe zwei Stunden lang - vornehmlich originalsprachiges Texttheater mit deutscher Übertitelung, wobei es um Philosophisches wie "Letzten Endes bin ich nur eine Fiktion" geht.Natürlich ist jene Grande Dame, die selbiges sagt - gespielt von der gebürtigen Schweizerin Eléonore Hirt, die unter anderem mit Jean-Louis Barrault arbeitete, mit Will Quadflieg oder Michel Piccoli auf der Bühne stand und für die Patte sein Stück geschrieben hat - wunderbar: Eléonore Hirt sitzt an der Rampe und kann schon mit der Andeutung einer Handbewegung oder eines Lächelns das gesamte, zwischen Verklärung, Phantasmen und irgendwie sachlicher Desillusionierung angesiedelte Erinnerungspathos einer alten Frau heraufbeschwören."demi-jour" - angekündigt als "melancholische Hommage" nicht nur an Eléonore Hirt, sondern, wie gesagt, ans Theater schlechthin - kulminiert bezeichnenderweise in einem Erweckungsversuch, einer Art kulturkritischer Aufbruchsvision: Die alte Dame findet in einem Mann von undurchsichtiger Identität - möglicherweise gleichfalls "nur eine Fiktion" - ihr "lebendiges Herz" und philosophiert unter anderem über die Sprache der Tiere und übers Bäumepflanzen.

Das bleibt alles sehr weit weg.Vielleicht muß man für die Begeisterung über eine solche "melancholische Hommage" ja einen größeren Teil seiner Lebenszeit bereits hinter sich haben.

Bis 12.Januar, jeweils 20 Uhr.

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