Kultur : Sei ein Mann!

„Osama“, der erste afghanische Spielfilm nach dem Taliban-Terror

Silvia Hallensleben

Die Welt des Geschlechtertauschs fällt im Kino gemeinhin in die Domäne der Komödie und wird bevölkert von androgynen Schlipsträgerinnen und schrägen Typen, wie sie Curtis und Lemmon in Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ aufs Parkett legen. Dabei ist die Travestie meist ein Produkt der Notwendigkeit, führt aber – das ist das komödiantische – zumindest vorübergehend zu einer Befreiung aus Normzwängen und Rollendruck. Immer wieder ist dabei auch Anpassung an die Erfordernisse des Erwerbslebens treibende Kraft. Auch in dem afghanischen Film „Osama“ ist die Verstellung aus solch existenzieller Not geboren. Doch Raum für komische Befreiung gibt es bei dieser Hosenrolle nicht: Zu distanzlos die Bedrohung, zu gewichtig die Folgen.

Im Kabul der Talibanzeit, wo die namenlose zwölfjährige Heldin des Films mit Mutter und Großmutter lebt, ist selbst der nackte Broterwerb ein männliches Privileg. Fehlt der Ernährer – viele Familienväter sind in den Kriegen der letzten Jahrzehnte gestorben – bleibt der weiblichen Restfamilie nur heimliche Prostitution oder das Verhungern: Eine Doppelmoral, unter der tausende von afghanischen Witwen darben. Ein solches Familienschicksal hat Regisseur Siddiq Barmak für seinen Spielfilm zu einem Drama verdichtet, das mit einer niedergeschlagenen Frauen-Protestaktion beginnt und mit der öffentlichen Zwangsverheiratung mit einem Mullahgreis endet. Dazwischen liegt die Leidensgeschichte des Mädchens, das als Knabe verkleidet den Lebensunterhalt für die Familie heranzuschaffen versucht.

Dicke Vorhängeschlösser und schwere Gitter sind ein wiederkehrendes Motiv in Barmaks Film, aber auch ein Mädchen, das hinter diesen Gitterstäben beharrlich sein Springseil schwingt: Ein Traumbild, das für den zarten Anflug von Hoffnung stehen dürfte, mit dem viele Afghaninnen und Afghanen der Zukunft entgegenbangen.

Das Lied, das am Ende des Films zu diesen Bildern erklingt, können wir leider nicht verstehen, weil es nicht übersetzt wird. Doch von der Melodie her muss es ähnlich traurig sein wie die Geschichte, die dieser erste afghanische Spielfilm nach dem Ende der Taliban erzählt. Auch Babraks Symbolik ist ebenso einfach wie beharrlich und lässt spüren, wie hier versucht wird, aus den propagandabeherrschten Wechselbädern der afghanischen Filmgeschichte und dem Bilderverbot erstmals eine neue Filmsprache zu gewinnen. Dabei knüpft „Osama“ nicht nur in Erzählstoff und -haltung an Filme wie Mohsen Makhmalbafs „Kandahar“ von 2001 an, auch Kameramann Ibrahim Ghafuri, der für die meisten der Filme von Mohsen und Tochter Samira Makhmalbaf die Bilder komponierte, steht für diese Kontinuität.

Die größte Stärke von „Osama“ ist wohl die erbarmungslose Nüchternheit, mit der Regisseur Siddiq Barmak und sein Team den Blick auf das korrumpierte Leben in einer ehemals lebendigen Stadt richten, wo jetzt mächtige Schneeberge und gewaltige Ruinen die Kulisse für schäbige Schauprozesse abgeben und religiöse Motive nur Vorwand sind für handfestes Eigeninteresse. Die erschreckendste Wahrheit ist dabei die Glaubwürdigkeit seiner Figuren: Denn gedreht hat Barmak ausschließlich mit Laiendarstellern. Die meisten der bärtigen Film-Mullahs sind wirklich ehemalige Taliban, seiner Hauptdarstellerin Marina Golbahari hat er beim Betteln auf der Straße erstmals in die Augen geschaut. So entgeht „Osama“ dem beliebten folkloristischen Pseudoauthentizismus, der selbst ausgehungerte Straßenkinder noch mit Weltstars besetzt. Das macht den Film für uns zu einem Dokument einer immer noch allzu unbekannten Welt; in Afghanistan selbst wird er auch für ein einheimisches Publikum glaubwürdig.

Barmak holte sich für seinen Film nicht nur auf dem letztjährigen Filmfestival in Cannes standing ovations und eine lobende Erwähnung – „Osama“ stieß auch in den wenigen noch vorhandenen Kabuler Kinos zwischen der üblichen Bolly-/Hollywood-Action auf großes Interesse. In der Provinz ist Barmaks nationales Filminstitut gerade dabei, die mobile Kinotradition der 50er Jahre wieder zu beleben. Vielleicht gibt es nach den Jahren des Bilderverbots nun die Chance, eine eigene Kultur des Kinos zu entwickeln. Der Anfang ist gemacht. Siddiq Barmaks nächster Film soll eine Komödie sein. Eine bitterschwarze selbstverständlich.

In Berlin ab Donnerstag in den Kinos Filmkunst 66, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe (OmU) und Neues Off .

0 Kommentare

Neuester Kommentar