Seichtmatrosen : Entertainment auf hoher See

Es gibt sie offenbar noch, die Erfolgsgeschichten aus der Kulturindustrie. Mitten in Berlin entstehen Shows für Kreuzfahrtschiffe.

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Während der Deutsche Kulturrat in gewohntem Alarmismus den „Spar-Tsunami“ beschwört, der auf die staatlich geförderten Institutionen zurollt, reiten Thomas Schmidt-Ott und Wolfgang Korr ganz oben auf der Erfolgswelle. Binnen eines Jahres konnten sie eine Entertainment-Firma mit 70 fest angestellten Mitarbeitern aufbauen. In der Zentrale von „SoKo arts“ in Berlin-Mitte entstehen am laufenden Band Shows für den Tui-Kreuzfahrtliner „Mein Schiff“.

Eigentlich war der „Palazzo Farnese“ in der Schützenstraße ja mal für Anwaltskanzleien gedacht. In dem Neubauviertel zwischen Leipziger und Rudi- Dutschke-Straße hat Aldo Rossi die Fassade des römischen Prunkbaus originalgetreu nachbilden lassen, so dass fünf Meter hohe Sitzungssäle entstanden. Hier proben heute Sänger, Tänzer, Schauspieler und Comedians, bevor sie jeweils für vier Monate an Bord gehen. 30 Unterhaltungsprogramme werden dort gezeigt, im Repertoirebetrieb. Das garantiert Vielfalt, sowohl für die Besucher als auch für die beteiligten Künstler.

Gefallen am Entertainment auf hoher See haben Korr und Schmidt-Ott schon als Studenten gefunden. In verschiedensten Formationen traten der Geiger und der Cellist seit 1988 auf Kreuzfahrtschiffen auf. Nach dem Examen wurde Korr Konzertmeister in Cottbus, Schmidt-Ott wechselte ins Kulturmanagement, arbeitete zuerst beim DSO Berlin, später beim BR-Sinfonieorchester. Aufmerksam beobachteten sie den Boom der Kreuzfahrt-Industrie, den Imagewechsel von der Renommier-Rundreise für Rentner und Rentiers zum Freizeitvergnügen für die ganze Familie. Je mehr „Aida“-Clubschiffe getauft wurden, desto deutlicher klaffte die Marktlücke. In die stießen die beiden, boten Wasser-Entertainment aus einer Hand an, von der Idee zu den Shows über die Auswahl der Künstler bis zur Umsetzung an Bord.

Dass ihnen die Tui bald ein Kaufangebot unterbreitete, bewies, dass Korr und Schmidt-Ott mit dem Strom schwammen. Für die Bord-Arbeit steht ihnen ein Theater mit 1000 Plätzen zur Verfügung – und einer technischen Ausstattung, von der die meisten deutschen Stadttheater nur träumen können. Kein Wunder, dass sich Regisseure wie der frühere Chef des Berliner Theaters des Westens, Elmar Ottenthal, gerne engagieren ließen. Der Komponist Frank Nimsgern („Hexen“ und „Elements“ am Friedrichstadtpalast) schrieb seine „Aqua“-Show exklusiv für „Mein Schiff“.

Zum abendlichen Zeitvertreib wird all das angerichtet, was auch auf dem Festland den Massengeschmack anspricht. Da gibt es Revuen und Varieté, Dinner-Formate, Schlager-Potpourris, da wird die Sinnlichkeit des Tangos beschworen oder eine klassische Cocktail-Karte zur Nummern-Revue umgeformt, bei der jeder Tanz-Act einem Mixgetränk entspricht. Der Passagier will nämlich gerührt werden, nicht geschüttelt. Und das auch nur 45 Minuten lang. Dann, so lehrt die Praxis, drängt es ihn wieder weiter, in die Restaurants und Bars. Oder gleich in die Koje.

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