Kultur : Seid nett zu den Berlinern!

Warum die deutsche Hauptstadt eine Welthauptstadt der Fremdenfreundlichkeit ist

Henryk M. Broder

Nimmt man die Zahl der italienischen, griechischen, spanischen, türkischen, chinesischen, vietnamesischen, argentinischen, bayerischen, indischen, mexikanischen, karibischen, japanischen, thailändischen, elsässischen und ägyptischen Restaurants, die es inzwischen in Berlin gibt, dann leben wir in einer extrem ausländer- und fremdenfreundlichen Stadt. Abgesehen von der Brat- und Currywurst ist es inzwischen nicht einfach, ein ordentliches, solides Essen zu bekommen, ohne Pesto, nicht am Reisrand und frei von multikulturellen Beilagen. Einige wenige Lokale bieten „Deutsche Küche!“ an und stellen mutig entsprechende Hinweistafeln in die Fenster. Ich freue mich darüber, nicht weil ich Zigeunerschnitzel mit Jägersoße oder Jägerschnitzel mit Zigeunersoße mögen würde, sondern weil mir solche vereinzelten Akte der gastronomischen Resistance gut gefallen. Wie würde die Stadt aussehen, wenn es überall nur noch Thunfisch-Carpaccio und Tandoori-Chicken gäbe?

Als der CDU-Politiker Jörg Schönbohm vor einigen Jahren nach einem längeren Spaziergang durch Kreuzberg erklärte, er habe sich dort „nicht in Deutschland“ gefühlt, brach ein Sturm der Empörung los. Die traditionelle Berliner Fremdenfreundlichkeit artikulierte sich heftig und nachhaltig. Schönbohm wurde als Hetzer beschimpft und des Rassismus beschuldigt. Aber was hätte er nach seinem Ausflug in die größte türkische Metropole Europas außerhalb der Türkei denn sagen sollen? „Schön war’s, wie in Plettenberg, mitten im Sauerland!“ Oder: „Ich habe Deutschland gesehen, wie es deutscher nicht sein könnte!“ Das hätte seine Kritiker präventiv beeindruckt, ihnen den Wind aus den Segeln genommen, aber es wäre an der Wirklichkeit vorbei gegangen.

Doch die Wirklichkeit ist nicht wichtig, es kommt nur auf die richtige Haltung an. Der Bürgermeister des Bezirks Mitte, Joachim Zeller, erzählt, es gebe in seinem Bezirk nicht weniger als 22 Moschee-Vereine, das heißt allein in Berlin-Mitte (bestehend aus den früheren Bezirken Mitte, Tiergarten und Wedding) gibt es mehr islamische Einrichtungen als Kirchen in ganz Saudi-Arabien. Er erzählt dies in einem gedämpften Tonfall, so als würde er ein Geheimnis verraten, das er lieber für sich behalten möchte. Auch Zeller, ein liberaler CDU-Mann, ist so ausländerfreundlich, dass er die Frage nach den sozialen und kulturellen Folgen der Entwicklung nicht stellt. Er sagt nur: „Da kommt was auf uns zu...“ Ein Wort mehr, und auch er würde des Rassismus beschuldigt.

In Paris, London und Amsterdam gibt es inzwischen Migranten-Viertel, die nicht mal bei Tageslicht von der Polizei betreten werden. Das wird auch in Berlin bald der Fall sein, und dann werden die fremdenfreundlichen Berliner lange Umwege in Kauf nehmen, wenn sie zu ihrem Lieblingsitaliener fahren wollen, und sie werden auf diesen Fahrten viel Zeit haben, darüber nachzudenken, was denn schief gegangen ist. Die bekannte Berliner Fremdenfreundlichkeit geht sogar so weit, dass der Berliner Innensenator nicht in der Lage ist, die alljährliche Demonstration islamischer Fundamentalisten zum „Al-Quds-Tag“ zu verbieten, auf der gerne „Tod für Israel!“ und die „Vernichtung des zionistischen Staates“ gefordert wird. Für die gestrige Demo hatten die Behörden den Veranstaltern allerdings Auflagen gemacht. Sie durften nicht den Kurfürstendamm entlang demonstrieren und nicht zu Mord und Totschlag aufrufen. Zumindest nicht schriftlich. Welche Parolen trotz eines Schweigemarsch-Aufrufs kursierten, ist eine andere Frage. Um dem Verbot Nachdruck zu verleihen, hatte die Polizei angekündigt, sie werde mit einigen Dolmetschern „vor Ort“ sein. So kann es am Rande des „Al-Quds“-Aufmarsches zu interessanten philologischen Diskussionen zwischen den Demonstranten und der Polizei kommen. Wo sonst gibt es diese Aufmerksamkeit?

Natürlich ist die radikale Berliner Fremdenfreundlichkeit nicht immer von solcher Selbstlosigkeit geprägt. Ein Argument, das immer zieht, lautet: „Es ist gut für die Stadt, es bringt Geld in die Kassen.“ Und so nimmt es der fremdenfreundliche Berliner in Kauf, seine Wohnung nicht verlassen zu können oder stundenlang in seinem Auto sitzen zu müssen, nur weil gerade der Berlin-Marathon stattfindet, zu dem Zehntausende Läufer, Scater und Rollstuhlfahrer aus aller Welt in die Stadt kommen, die alle nach dem Ende des Marathons das KaDeWe stürmen und sich dumm und dusselig kaufen. Deswegen sind auch die Love Parade und die Kreuzberger Krawalle zum 1. Mai so wichtig für die Stadt: Es reisen ganz viele Fremde zu Besuch an und stärken die Berliner Ökonomie.

Woher kommt dann aber das Gerücht von der Fremdenfeindlichkeit der Berliner? Es handelt sich um ein Missverständnis der dialektischen Art. Der Berliner, wie er bis zum Fall der Mauer war, fühlt sich nicht mehr daheim in Berlin. Er ist sozusagen fremd in der eigenen Stadt, umgeben, eingekreist von lauter Menschen, die er bis 1989 nur aus dem „Weltspiegel“ der ARD und von den Plakaten der Aktion Misereor kannte. Wenn er sich nun gegen Fremdenfeindlichkeit stellt, dann will er sagen: „Der Fremde hier, das bin ich, bitte seid lieb zu mir!“ Tun wir ihm doch den Gefallen. Seien wir nett zu den Berlinern.

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