Kultur : Seid nett zu Mr. Orton

Hartmut Krug

Was in Joe Ortons erstem und größtem Bühnenerfolg "Seid nett zu Mr. Sloane" 1964 eine Spießerhöhle war, ist in Michael Thalheimers Baseler Inszenierung eine Trash-Hölle im Pop-Himmel. Die mutterlose Familie, die bei Orton am Rande einer Müllkippe lebt, zusammengehalten nur durch Egoismus, Macht und Erpressung, erscheint selbst wie menschlicher Auswurf. Ein Geschwisterpaar, die ältlich geile Kathy und ihr schwuler Bruder Ed, lebt mit seinem scheinbar etwas debilen Vater zusammen und lockt sich als Untermieter den jungen Mr. Sloan ins Haus. Er wird erst zum Liebhaber von Kathy, dann von Ed. Als der Vater in Sloan den Mörder seines Chefs erkennt, wird er ebenfalls von Sloan umgebracht. Was zur Lösung des Wettstreits der Geschwister um Sloan führt: die beiden teilen sich den jetzt Erpressbaren.

Ortons Stück machte in den 60er Jahren zwischen London, New York und auf deutschen Bühnen mächtig Skandal. Es verstieß mit bewusster Geschmacklosigkeit gegen gesellschaftliche Tabus, es benannte die damals noch verbotene Homosexualität und attackierte die bürgerliche Welt. Denn schlimmer als der junge Mörder Sloan erschienen bei Orton die völlig ohne Moral, aber mit umso mehr Geilheit und Egoismus agierenden Spießbürger.

In Basel hat man die Spielzeit unter das Motto "Kapital Moral" gestellt. Ortons verstaubtes Stück steht deshalb neben Brechts "Gutem Menschen von Sezuan" oder Dürrenmatts "Biedermann und die Brandstifter". Regisseur Thalheimer, der zuletzt mit einer furios verdichteten "Emilia Galotti" am Berliner Deutschen Theater imponierte, hat nun die Doppeldeutigkeit des englischen Titels "Entertaining Mr. Sloan" mächtig aufgeputzt. Dafür werden dem auf 70 Minuten komprimierten Stück seine Spannung und seine Aufschreie genommen. Es kommt nicht mehr als Krimi, nicht mehr als Sozialstück oder als Protest gegen gesellschaftliche Tabus daher, sondern als eine überdreht wilde Komödie. In ihr und mit ihr wird nur gespielt, jedes Verhalten ist nur vorgetäuscht. Es ist ein Spiel mit Slapstick-Masken, alle tragen ständig rutschende Perücken. Wie bei Thalheimers "Emilia" strebt hier jeder danach, sich selbst zu fühlen. Doch statt der Gefühle regieren die Instinkte, und Empfindungen liefert nur noch das Transistorradio, das mit seiner unentwegten Dudelei die Körper in Bewegung setzt.

Wie Thomas Reisinger sich als Ed im dicklich ausgestopften gelben Anzug über das Sofa zappelt, sich trotz mächtiger Hornbrille an den Wänden stößt und sich unentwegt in den Schnurvorhängen fast bis zur Erdrosselung verheddert, das ist anfangs ganz komisch. Während die nölige, verschwitzte Spießigkeit, mit der Katja Jung ihre Kathy im Unterrock daherschlurfen lässt, und die blasse Teilnahmslosigkeit, mit der Klaus Drömmelmeier als Sloan, ein leeres Würstchen ohne Sex und Charme, die Geschichte buchstäblich durchsteht, spannungslos wirken.

"Du hast keine Moral" klagt Ed, und Mr. Sloan antwortet: "Du hast keine Prinzipien". Damit ist gleich zu Beginn alles gesagt, was uns Ortons Stück in Thalheimers bunter Inszenierung mitzuteilen hat. Die körpersprachliche Verpackung der Inszenierung verhüllt mehr ihren Inhalt, als dass sie ihn wirklich aufregender machte. Die Geschwätzigkeit des Stückes birgt heute kein Geheimnis mehr, und die banale Triebhaftigkeit der Figuren erscheint nur mehr als Gemeinplatz, wenn Ortons Menschen als überdreht hohle Pop-Figuren, jeder individuellen und sozialen Geschichten beraubt, in einen leeren Schauraum gestellt werden. Hier missbraucht jeder jeden, und alle haben mit den Schlagern "Sehnsucht nach Liebe". Die Wiederbelebung dieses Stückes war wohl ein Missverständnis. Aber auch Thalheimers bekannt formaler Slapstick, für den die Baseler Schauspieler nicht virtuos genug agieren, hilft nicht. So endet der heftige Versuch, Ortons Stück zu retten, in wildester Verkrampfung.

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