Kultur : Seid viele und vernetzt euch!

Die linken Theoretiker Michael Hardt und Antonio Negri erklären, wofür sie kämpfen.

Sebastian Kirsch

Gleich zu Anfang beteuern sie: „Dies ist kein Manifest.“ Denn Manifeste, so Michael Hardt und Antonio Negri, die mit „Empire“ und „Multitude“, Schlüsselwerke der globalisierungskritischen Linken geschrieben haben, „verkünden Idealwelten und beschwören ein geisterhaftes Subjekt, das uns dorthin führen soll“. Ihr jüngstes Buch „Demokratie! Wofür wir kämpfen“ soll vielmehr eine „Streitschrift“ sein, ein „Plädoyer für das Prinzip des Gemeinsamen“, sogar ein „radikales politisches Programm für eine neue und bessere Verfassung, gegen die Ursachen der Finanzkrise, gegen den Raubbau an der Umwelt und gegen wachsende soziale Ungleichheit“. Es geht offenbar darum, sich vom „Manifest der kommunistischen Partei“ und dem berühmten „Gespenst“ abzusetzen. Das entspricht ihrem „postoperaischen“ Denken – gehört doch die Partei zu jenen hierarchischen Organisationsformen, die sie zugunsten zentrumsloser Vernetzung und horizontaler Kommunikation überwinden wollen.

Zugleich darf man bei ihnen aber auch ein Echo des Textes „Ein Manifest weniger“ vermuten, mit dem Gilles Deleuze, der wichtigste philosophische Gewährsmann der beiden, 1978 eine „Politik der Subtraktion“ skizzierte. Deren Projekt war es, organisierende Zentren zu „amputieren“, um sogenannte Singularitäten freizusetzen: Dieses Modell adaptieren Hardt und Negri mit dem auf Spinoza zurückgehenden Begriff der Multitude.

Dennoch sucht ihre Streitschrift nach Merkmalen, die singuläre Ereignisse – die Aufstände und Revolten der letzten Jahre – verklammern könnten: Was verbindet den „arabischen Frühling“, die „Occupy“-Proteste, die Forderungen der spanischen „indignados“ und die britischen „Riots“ von 2011? Hardt und Negri sind mit dieser Frage nicht allein. Tatsächlich bemühen sich zur Zeit verschiedene Strömungen der Theorielinken um eine Perspektive, den vielen partikularen Kämpfen Gemeinsamkeiten zuzuweisen.

Leider fällt die Antwort von Hardt und Negri wenig überzeugend aus. Mag sein, dass alle genannten Aufstände nach einer „Strategie der Besetzung“ verfuhren und keine exponierten Anführer hatten. Doch dass sie sich alle um den Zugang zum Gemeineigentum drehten, um „Commons“ wie Wasser, Medizin und Bildung, erscheint doch gesucht. Und wenn das Duo den Aufstand gegen Mubarak und die „London Riots“ mit der Floskel vermengen, sie seien Reaktionen „auf die Macht der Konsumgüter und des Eigentums, die oftmals Instrumente der Unterdrückung sind“, dann tun sie den Kämpfern auf dem Tahrir-Platz in dem Maß Unrecht wie sie die „Brandstiftungen und Plünderungen in London“ idealisieren.

In ihrer „Multitude“-Romantik geht unter, was Deleuze nie vergaß: Die Vielheit kann auch als dumpfer, gar faschistischer Mob auftreten, und „rhizomatische“ Formen sind nicht per se emanzipatorisch. Anders gesagt: Hardt und Negri müssten sich fragen lassen, ob nicht auch das braune „NSU-Netzwerk“ zur Multitude zählen müsste. In diesem Licht erscheint das gesamte Begriffsmanöver ihrer Streitschrift recht ambivalent. Die beiden definieren vier „Rollen“, die der Neoliberalismus hervorbringe und von denen heutige Widerstandsbewegungen ausgehen sollten: die „Verschuldeten“ (Einzelkämpfer des Prekariats), die „Vernetzten“ (Mediensüchtige, die unter einem Zuviel an Information und Kommunikation ersticken), die „Verwahrten“ (Subjekte unter permanenter Datenkontrolle) und die „Vertretenen“ (von einer leerlaufenden repräsentativen Demokratie verratene Bürger).

Diese Rollen gilt es für sie umzuwerten: Die Verschuldeten sollen die Bezahlung verweigern und stattdessen gegenseitig soziale Schuld auf sich nehmen. Die Vernetzten sollen ihre „Beziehung zu den Medien neu gestalten“ und als „Singularitäten“ kommunizieren (etwa über Facebook und Twitter). Die Verwahrten sollen sich an Foucaults Lektion erinnern, dass Macht relational ist und nur überlebt, „wenn wir bereit sind, in Beziehung zu ihr zu treten“. Und die Vertretenen sollen sich ihre eigene Verfassung geben.

Das alles bleibt so vage wie die Verfassungsskizze der Multitude, die der letzte Teil versucht. „Durch Bildung können wir alle zu Experten auf dem Gebiet unserer natürlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwelt werden und intelligente Entscheidungen treffen“, heißt es da als Leerformel. Und als Parole: „Wir können den Planeten nicht heilen, solange diejenigen, die ihn zerstören, am Hebel sitzen.“ Das ist nicht nur dürftig. Es macht einen doppelt ratlos, gerade wenn man das Grundanliegen von Hardt und Negri teilt. Sebastian Kirsch

Michael Hardt,

Antonio Negri:

Demokratie! Wofür

wir kämpfen.

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Campus Verlag,

Frankfurt a.M. 2013. 127 Seiten, 12,95 €.

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